Lechtal: Der letzte Wilde Österreichs

(c) Walter Kaminski
  • Drucken

Wie großartig Flusslandschaften wirken können, wenn man sie einfach in Ruhe lässt. Und wie groß der künstlerische Einschlag ist, wenn man ein geografisches Eigenleben führt.

Bei uns ist der Fluss noch der größte Grundeigentümer im Tal.“ Toni Hammerle, Verbandschef des Tiroler Lechtals und Gastwirt in Holzgau, hat allen Grund, auf sein Heimattal stolz zu sein. Mit seinen urtümlichen Mäandern und Schotterbänken ist der Lech ein veritables Naturdenkmal.

Seine Quelle liegt auf Vorarlberger Gebiet, wechselt aber bald das Bundesland, wo er dann auf den 65 Tiroler Kilometern Fließstrecke ein weitgehend naturbelassenes Urstromtal ganz für sich hat. Auf einer Breite von bis zu 400 Metern darf er nach Lust und Laune mit zehntausenden Tonnen Geröll spielen, darf ungehindert Schotterbänke formen und mit häufigen Hochwässern auch wieder zerstören, darf Auwälder unter Wasser setzen und Seitenarme ausbilden.

So muss es vor 150 Jahren noch in den meisten Alpentälern ausgesehen haben, bis man begann, die Flüsse zu zähmen. Dem Lech ist in all dieser Zeit nur ein Drittel seiner Grundherrlichkeit verlorengegangen, was ihn in Österreich einzigartig macht. Nur in Friaul besitzt er einen Verwandten: den Tagliamento.

„Die Wildflusslandschaft ist die Heimat einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt“, sagt Toni Hammerle. „Am Ufer wachsen zehn Meter hohe Wacholderbäume, die bis zu 600 Jahre alt sind. Ein Anpassungskünstler ist die Deutsche Tamariske, die im Schotter tiefwurzelt und so dem Fluss Widerstand leistet. Seltene Orchideen gedeihen im Auwald, die Fliegenragwurz und die Sumpfstendelwurz. Und bei Martinau gibt es das größte Frauenschuhvorkommen Österreichs: 5000 Pflanzen, die bis zur ersten Blüte 28 Jahre benötigen und klarerweise strengstens geschützt sind.“

Flussregenpfeifer, Flussuferläufer und Gänsesäger finden auf den Flussinseln ideale Brutplätze. Seltene Libellen-, Heuschrecken-, Laufkäfer- und Spinnenarten haben hier ihr Refugium, kurz: Das Lechtal ist ein Naturparadies. Und das sollte auch so bleiben – der Naturpark Lechtal gehört zu dem europaweiten Schutzgebietsnetz Natura 2000.

Das Lechtal liegt ein wenig abgeschieden vom restlichen Tirol, nur zwei Passstraßen führen in Richtung Inntal, über den Fernpass und das Hahntennjoch. Stattdessen öffnet es sich nach Bayern hin. „Nachdem er Tirol verlassen hat, geht es dem Lech aber nicht mehr so gut wie bei uns“, schmunzelt Toni Hammerle. Sieben Flusskraftwerke und 21 Staustufen liegen auf seinem Weg bis zur Mündung in die Donau.

Belgierboom in den 50er-Jahren

Sanften Tourismus beherzigt man im Lechtal schon seit langem. Keine großen Hotels (das größte ist das Wellnesshotel Alpenrose im Hauptort Elbigenalp), nur wenige und klein dimensionierte Skilifte, der Schwerpunkt liegt auf dem Sommertourismus, in der kalten Jahreszeit konzentriert man sich aufs Langlaufen und Winterwandern; von den fast 50 Berg- und Almhütten sind etwa zehn auch in der kalten Jahreszeit geöffnet.

40 Prozent der Gäste stellen die Deutschen, zehn Prozent die Schweizer, und, man staune, 40 Prozent die Belgier. Die Attraktivität des Lechtals für Belgier geht auf die 50er-Jahre zurück. Ein gewisser Hubert Strobl aus Holzgau konnte damals den Leiter des katholischen Vereins „Jeugdkampen“ davon überzeugen, seine Jugend-Camps mit tausenden von Teilnehmern im Lechtal abzuhalten. Der Belgier-Boom hält nun schon seit drei Generationen ungebrochen an.

Das dünn besiedelte Tal hat gar nicht so wenige, weit über die Talgrenzen hinaus bekannte, Persönlichkeiten hervorgebracht. So findet man sogar einen Wiener Bürgermeister, der in Elbigenalp zur Welt gekommen ist: Anton Lumpert, ein Vorläufer von Michael Häupl, von 1823 bis 1834. Ein Auswanderer namens Anton Maldoner, der in Holland sein Glück suchte, gründete im Jahr 1760 die erste Schifffahrtslinie von Europa (Amsterdam) nach New York. Und Elbigenalp entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Wiege begabter Künstler: Zwei berühmte Maler und Holzbildhauer stammen aus der Gemeinde, Joseph Anton Koch und Anton Falger.

Am berühmtesten ist allerdings die Großnichte Kochs und Schülerin Falgers, Anna Knittel. Anna Knittel, nie gehört? Der Name, der ihr in einem Heimatroman verliehen wurde, dürfte geläufiger sein: Geierwally.

Wagemutig in der Wand

Die in dem Roman erzählte Episode bezieht sich allerdings bloß auf eine Mutprobe, die Anna Knittel als 17-jährige mit Bravour bestand: Sie seilte sich an einer Felswand ab, um einen Adlerhorst auszunehmen – die Raubvögel hatten den Lämmern auf der Alm zu arg zugesetzt, und mit Natur- oder Artenschutz hatte man im 19. Jahrhundert bekanntlich noch nicht viel im Sinn.

Wesentlich bedeutsamer an Anna Knittels Biografie ist die Tatsache, dass sie als erste Frau an der Münchner Kunstakademie aufgenommen wurde. Bis zu ihrem Tod 1915 war sie eine erfolgreiche Malerin, die etliche hochrangige Habsburger porträtierte, Kaiser Franz Joseph inbegriffen, und mit ihren Landschafts- und Blumengemälden auch auf der Wiener Weltausstellung vertreten war.

Seit 1993 widmen die Elbigenalper ihrer Geierwally ein sommerliches Theaterfestival, das auf einer Freilichtbühne am Ausgang der Bernhardstalschlucht stattfindet, mit der passenden Felswand zum Abseilen als Kulisse. Jedes Jahr wird ein anderes, extra für Elbigenalp geschriebenes, Stück aufgeführt.

Dem Lehrer Anna Knittels, Anton Falger, verdanken die Elbigenalper ebenfalls eine dem Tourismus sehr förderliche Erfolgsstory: die Gründung der Holzschnitzerschule, die heute eine Schule mit Öffentlichkeitsrecht ist. Um diese Schule gruppieren sich etliche Schnitzwerkstätten und Hobbyschnitzkurs-Anbieter – ein nicht unwesentlicher Faktor für das Gästeaufkommen der mit 750 Einwohnern größten Lechtaler Gemeinde.

Miniaturgemeinden

Die kleinen Gemeinden des Lechtals sind Rekordhalter: Hinterhornbach, Kaisers, Namlos und Gramais zählen alle weniger als hundert Einwohner und sind damit die kleinsten Gemeinden Österreichs. Die kleinste überhaupt ist Gramais mit 65 Einwohnern, aber allem, was zu einer richtigen Gemeinde dazugehört: Gemeindeamt, Feuerwehr, Bürgermeister, eine Zwergenschule mit einer Handvoll Schulkindern und ein Wirtshaus, das wie jenes in Elbigenalp ebenfalls Alpenrose heißt.

150 Gästebetten gibt es auch, denn Gramais hat wunderbare Wanderrouten zu bieten, in die über 3000 Meter hohen Lechtaler Alpen hinauf, mit fünf Bergseen als Ziel von Tageswanderungen. Hier spürt man ihn noch, den Reiz, den der Name Tirol in der touristischen Vorstellungswelt auslöst, fernab von Remmidemmi, Massenbetrieb und Piefke-Saga.

In den 70er-Jahren freilich drohte Gefahr, als Gramais seinen Tiefpunkt mit gerade einmal 40 Einwohnern hatte. Damals wollte die Tiroler Landesregierung der Eigenständigkeit der Gramaiser zu Leibe rücken und sie zu einem Ortsteil von Haeselgehr degradieren – aber da hatte der Landesherr nicht mit dem erbitterten Widerstand der Ortsbevölkerung gerechnet.

Seither wird vorsorglich gleich bei Amtsantritt jedes neuen Tiroler Landeshauptmanns dieser zum Gramaiser Ehrenbürger ernannt – denn, so denken die Gramaiser, er wird ja diese Würde nicht etwa durch eine Gemeindezusammenlegung wieder verlieren wollen.

Drachenhunger auf Schinken

Nicht nur die Berge, auch den Fluss kann man freizeitsportlich erleben: Entweder als Radfahrer auf dem 50 Kilometer langen flussbegleitenden Radweg von Steeg nach Forchach (der im Winter als Langlaufloipe dient), oder im Neoprenanzug beim Rafting und Canyoning.

All das in einer Tallandschaft, naturbelassen vom Berggipfel bis zum Talboden, ohne große Straßen, ohne Fabriken und ohne Kraftwerke – aber mit viel Kultur und volkskundlichen Traditionen. Dass dies auch so bleibt, dafür möge der „Bluatschink“ sorgen – nein, nicht das gleichnamige Volksmusikduo aus Elbigenalp, sondern das drachenartige Fabelwesen, das im Lech hausen soll und jedem, der seine Ruhe stört, jenen Körperteil blutig beißt, aus dem man Schinken herstellt.

WASSER, ERDE, LÜFTL

Tirol Info:0512/7272-0, www.tirol.at

Lechtal Tourismus:
05634/5315, www.lechtal.at

Naturpark Tiroler Lech: www.tiroler-

lech.at

Übernachten: Hotel Alpenrose/Elbigenalp, Viersternehaus; Wanderwege gleich hinterm Hotel (z. B. Geierwally-Rundwanderweg), T 05634/6651, www.alpenrose.net

Anschauen: Pfarrkirche Elbigen- alp – Fresken von Johann Jakob Zeiller (1776); Martinskapelle – Beinhaus mit Totentanz-Zyklus von Anton Falger (1840); prächtige Lüftl-Malereien in Holzgau; „Die Frau im Morgengrauen“ auf der Geierwally-Bühne.

Käse verkosten in der Heumilchkäserei Bruno Sojer in Steeg: 14 Käsesorten aus nichtpasteurisierter Milch, auch die hausgemachten Joghurtsorten sind ein Gedicht; 05633/5636 [Tirol Images]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2008)


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.