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„Europa ist Brutstätte für terroristische Aktivitäten geworden“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Eine kleine Einheit kümmert sich von Wien aus um eine bessere Kooperation der 56 OSZE-Staaten bei der Terrorismus-Bekämpfung.

WIEN.Wie können nationale Sicherheitsbehörden und Journalisten bei der Bekämpfung der terroristischen Bedrohung besser zusammenarbeiten? Gerade tagt in Istanbul eine Konferenz, bei der Terrorabwehr-Experten und Fachleute aus der Medienwelt Antworten auf diese Frage suchen. Mit dabei ist Raphael Perl, der Leiter der Anti-Terrorismus-Einheit im Wiener Sekretariat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Gerade zwölf Mitarbeiter umfasst Perls seit 2002 bestehende Einheit derzeit. Klar, dass über die Arbeit dieser Experten nicht viel an die Öffentlichkeit dringt – Terrorismus-Abwehr ist kein Thema für lärmende Schlagzeilen.

Die „Kunden“ dieser OSZE-Einheit sind auch nicht Journalisten, sondern vornehmlich die Sicherheitsbehörden der 56 Mitgliedstaaten (Polizisten, Grenzschützer, Nachrichtendienstler, Justizfachleute), aber auch private Sicherheitsfirmen.

„Uns geht es vor allem darum, die internationale Zusammenarbeit bei der Terrorismus-Bekämpfung zu fördern“, erläutert Perl der „Presse“. „Die OSZE-Staaten sollen ihre Erfahrungen austauschen und einander gegenseitig über Methoden informieren, die sich bei der Terror-Abwehr besonders bewährt haben („best practices“).

Für den Amerikaner Perl, der vor seinem Posten in Wien als Terrorismus-Experte im Forschungsdienst des US-Kongresses gearbeitet hatte, sind dabei zwei Dinge bedeutsam: „Terrorismus ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein Terroranschlag in einem Land betrifft stets auch die übrige Staatenwelt. Der Terrorismus ist dafür verantwortlich, dass wir alle für Sicherheit, Reisen, ja selbst für Nahrungsmittel mehr zahlen müssen.“ Perl glaubt deshalb auch, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen des Terrorismus noch besser analysiert werden sollten.

Zweitens: „Europa ist zuletzt immer mehr zu einem Angriffsziel des internationalen Terrorismus geworden. Europa ist aber nicht nur ein Zielgebiet, es ist auch eine Brutstätte für terroristische Aktivitäten aller Art“, sagt Perl.


Radikalisierung via Internet

Was aber trägt Perls OSZE-Einheit denn überhaupt konkret zur Terrorismus-Bekämpfung bei?

•Sie hat eine Internet-gestützte Terrorabwehr-Datenbank aufgebaut, über die die Experten aus dem OSZE-Raum Informationen bekommen und austauschen. Schließlich, argumentiert Perl, benutzten ja auch die Terror-Netzwerke das Internet zur Rekrutierung und Radikalisierung ihrer Anhängerschaft. „Wir analysieren die Botschaften der Terror-Netzwerke im Internet. Wir schauen uns an, wie sie präsentiert werden und wer damit angesprochen werden soll.“

•Die OSZE-Einheit organisiert laufend Arbeitskonferenzen von Terrorabwehrexperten in ganz Europa. Im Juli etwa findet in Wien eine solche Tagung statt, bei der verbesserte Schutzmaßnahmen für kritische Energie-Infrastruktur besprochen werden.

•Groß geschrieben wird von der Terrorabwehr-Einheit der Kampf gegen gefälschte Reisedokumente. „Terroristen sind am verwundbarsten, wenn sie auf Reisen sind“, sagt Perl. Die OSZE-Einheit organisiert deshalb Intensivkurse für Grenzwächter, die sich dem Aufspüren gefälschter Reisedokumente widmen.

Perl sieht es zudem als eines seiner Ziele an, „dem Terrorismus seinen politischen Anstrich zu nehmen, damit er in der Öffentlichkeit dann als das dasteht, was er ist: ein Schwerverbrechen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2008)