Der Salto mortale des Bundeskanzlers

Im Boulevard entblößt sich so mancher. Jetzt geht eben die SPÖ auf die Straße.

Als Anfang 1933 Hitlers SA-Truppen durchs Brandenburger Tor marschierten, kommentierte dies Max Liebermann so: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!“ Dieser feine Maler hatte eine scharfe Beobachtungsgabe fürs Vulgäre und Verhetzte. Nachfühlbar wird seine Reaktion sogar im Komischen. Es ist zum Kotzen, wenn man Titel und Seite 4 der „Kronenzeitung“ von diesem Freitag liest. Das fordert den Pharynx tatsächlich heraus.

Herausgeber Hans Dichand, der angeblich lieber einen Hund streichelt, als politische Gelüste auszuleben, lässt in seinem Vorhof der Macht zwei Pudel aus der SPÖ die populistische Blattlinie apportieren: „Volksabstimmung für neuen EU-Vertrag!“, trommelt die „Kronen Zeitung“ seit Wochen. „Volksabstimmung!“, stimmen jubelnd Dr. Alfred Gusenbauer und Werner Faymann in einem offenen Brief an den sehr geehrten Herrn Herausgeber Hans Dichand mit ein.

Gegen das Briefschreiben an alte Herren oder gegen Abstimmungen ist an sich nichts zu sagen. Man kann über die Existenzberechtigung des ORF abstimmen lassen, über ein Hundeverbot in der Stadt oder über die Todesstrafe für korrupte Banker. Das hält eine Demokratie schon aus. Aber die Art, wie die SPÖ-Doppelspitze eine radikale Richtungsänderung in der Europapolitik unters Volk bringt, ist bedenklich. Sie lässt sich vom Boulevard instrumentalisieren und geht dadurch auf die Straße.

In der „Krone“ hat man schon vieles lesen oder zumindest anschauen müssen; vom Schweinchen, das alles macht, über salbungsvolle Worte des Erzbischofs am Sonntag bis zu den Nackerten im „Ausland“, von gefälligen Anzeigen aus dem Bereich des Verkehrsministers bis zu den ebenso direkten Kontaktanzeigen von Prostituierten. Im Massenblatt hat heute eben ganz Österreich Platz. Warum also nicht auch ein Brief der janusköpfigen SPÖ? Weil es erniedrigend ist. So ungustiös wie Faymann und Gusenbauer ist noch nie eine SPÖ-Führung dem mächtigsten Herausgeber des Landes reingekrochen.

„Das Volk bin ich!“, behauptet der Boulevard, und sucht sich genau aus, wer es bescheißt. Aber im Salto mortale erinnert der Kanzler an die letzten Worte des Kaisers Tiberius: „Vae me, puto, concacavi me!“ Aus dieser Bredouille kommt er nicht mehr raus, denn ab jetzt ist Wahlkampf, und weil er über Armut und EU geführt wird, kann Gusenbauer mit dem smarten neuen SPÖ-Chef nicht mithalten.

Wer hätte gedacht, dass FPÖ-Chef Strache bei diesen Themen einmal als geradliniger Populist dastehen würde, während die SPÖ noch immer schwankt, ob sie jetzt volltrunken national oder doch wieder ein bisschen sozialistisch sein soll. Für diese Turnübung ist Gusenbauer nicht gelenkig genug, solche Kunststücke können nur ausgesuchte Geschöpfe der Krone vollführen. Am besten wohl rot-blaue Figuren.

Vielleicht finden ja die Kanzlerkandidaten Faymann und Strache bis zum Herbst zu einer gemeinsamen Plattform, um der Stimmung des Volkes zu entsprechen: Austritt aus der EU! Verdoppelung der Mindestrente ab 50! Und gratis handsignierte Österreich-Flaggen für alle „Krone“-Abonnenten! Mit solch einem Straßenfeger-Programm können Biedermänner wie Molterer und Van der Bellen überhaupt nicht mithalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2008)

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