Eine Paparazzi-Schau zeigt die goldene Ära des Jet-Set und die Wechselwirkung zwischen Foto-Jägern und den Verfolgten im Fadenkreuz.
Gravitätisch schreitet der Filmstar durch die Flure des Waldorf-Astoria-Hotels in New York, ihm hinterdrein der Fotograf im Sicherheitsabstand, geschützt durch einen Football-Helm. Ron Gallela war gewitzt genug, sich gegen die Attacken Marlon Brandos zu wappnen – und wurde 1975 so selbst ein Held seiner Zunft. Monate vorher hatte ihm Brando den Unterkiefer zertrümmert. Gallela büßte fünf Zähne ein, nicht aber seinen Sinn für Humor.
Das bevorzugte Opfer des New Yorker Paparazzo war jedoch Jackie Kennedy, die Präsidentenwitwe und Ex-Frau des griechischen Reeders Ari Onassis. „Da Vinci hatte seine Mona Lisa, und ich habe Jackie“, notierte der Fotograf. Beinahe wie ein Stalker verfolgte er sie auf Schritt und Tritt. Per gerichtlicher Verfügung untersagte sie ihm schließlich entnervt, dass er ihr näher als 25 Yards auf den Leib rückte. Ein Fotograf bannte den Moment auf Zelluloid, als Gallela die Distanz mit einem Maßband festhielt. Das Foto der windzerzausten Jackie O. mit den übergroßen Sonnenbrillen hat etwas Ikonenhaftes.
Entmythisierung
„Gestohlene Momente“: So bezeichnet Matthias Harder, Kurator der Ausstellung „Pigozzi und die Paparazzi“ in der Berliner „Helmut-Newton-Stiftung“ die Jagd nach dem einen Schnappschuss, der Einblick gibt hinter die Hochglanzfassade. Die Momentaufnahmen kratzen am Image und leisten der Entmythisierung der Stars Vorschub, wie etwa bei der geheimnisumwitterten Greta Garbo oder bei Marlene Dietrich. Doch oft ist es, so Matthias Harder, ein Wechselspiel zwischen dem Voyeurismus des Jägers und dem Exhibitionismus des Gejagten: Beide leben vom Marktwert.
Setzen sie sich heute auf die Fersen von Amy Winehouse und Britney Spears, so waren in den Fünfzigerjahren die Stars von „good old Hollywood“ in ihrem Visier: Grace Kelly, Ava Gardner, Cary Cooper. Ob auf der Croisette in Cannes oder der Via Veneto in Rom: Auf ihren Vespas lauerte die Paparazzo-Meute auf ihre Beute. „La dolce Vita“, Federico Fellinis Film, wurde stilprägend für eine ganze Epoche. Für die Filmfigur des Fotografen „Paparazzo“ stand Tazi Secchianoli Pate.
Niemand war vor seiner Linse sicher, und er ließ sich auch nicht von den geballten Fäusten von Anita Ekbergs Freund abschrecken. Ekbergs Bad im Trevi-Brunnen zählt zu den magischen Momenten der Filmgeschichte, dabei war es eigentlich der Fotograf, der rücklings in den Brunnen stürzte.
Die 60er- und 70er-Jahre waren dann die Hochzeit des Jet-Set. Im Sommer an der Cote d'Azur, im Winter im Chalet in Gstaad oder St. Moritz: Die Hotspots der Schickeria richteten sich nach dem Kalender. Brigitte Bardot oder Romy Schneider barbusig beim Sonnenbaden; Italiens Industrie-Tycoon Gianni Agnelli, wie er von seiner Yacht nackt ins Meer sprang und sich dabei wenig weltmännisch die Nase zuhält: Schnappschüsse haben meist etwas Decouvrierendes an sich.
Tricks und Flüche
Immer wieder mit von der Partie sind auch die Bad Boys der Rolling Stones. Als ihm ein hartnäckiger Fotograf einmal nachstellte, bleckte Mick Jagger die Zähne und zischte das „F-Wort“.
Irgendwann schlugen die Reichen und die Schönen mit denselben Waffen zurück. Gina Lollobrigida ging behängt mit einem Fotoapparat auf Motivjagd.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)