Freches, Kluges und Dummes

In Zürich und Berlin ziehen die Betonierer von der Theater-heute-Fraktion die Fäden.

Im Windschatten allseits beachteter Ereignisse wie der Fußball-Europameisterschaft oder heimlicher Regierungs-Krisensitzungen haben die ORF-Gewaltigen das langsame Ende des Radiosymphonieorchesters beschlossen, indem sie gegen jede Vernunft eine sympathische und in ihrem Bereich höchst erfolgreiche Kulturmanagerin auf den Schleudersitz des Orchestermanagers gehievt haben – noch dazu in einer Situation, in der jegliche Zukunftshoffnung für besagtes Orchester geschwunden ist. Denn das, was jetzt, wo das internationale Renommee des Klangkörpers auf nie dagewesener Höhe angelangt ist, notwendig wäre, versagt man den Musikern. Statt Energiezufuhr, Wiederherstellung der nötigen Orchestergröße (das RSO ist längst „gesundgespart“ worden!) gibt es Lippenbekenntnisse zum Weiterbestand. Von denen wird kein Musiker satt – und vor allem wird die Aussicht keinen Dirigenten locken, der das Format hätte, die von Bertrand de Billy so fulminant geleistete Aufbauarbeit fortzusetzen.

Dafür erhält de Billy bei seinen Auftritten jetzt Ovationen: Schon als er vor der letzten Aufführung des französischsprachigen „Don Carlos“ am Samstag den Staatsopern-Orchestergraben betrat, jubelte man ihm zu.

A propos „Don Carlos“ – der designierte Staatsopern-Direktor, Dominique Meyer, hat dem Vernehmen nach bereits erklärt, die Kult-Produktion in seiner Ära wieder aufnehmen zu wollen. Für ihn hat man übrigens in Paris endlich einen Nachfolger gefunden: Michel Franck, 51, bisher für das Schauspielprogramm des Hauses zuständig, übernimmt von Meyer den Posten des Direktors des Theatre des Champs Elysées – und wird, merk's Wien, mit einem höheren Budget ausgestattet als sein Vorgänger. So bestärkt man kulturelle Vorwärtstrends.


Nicht überall sind die Kulturverantwortlichen so vorausdenkend. Blickt man nach Zürich und Berlin, staunt man, wie die Betonierer von der Theater-heute-Fraktion, denen nur leergespielte Häuser Qualitätsgaranten sind, die Fäden ziehen. Andreas Homoki, bisher Intendant der Komischen Oper in Berlin und dort für eine Auslastungszahl von etwas über 60 Prozent verantwortlich, übernimmt die Position des sensationell erfolgreichen Zürcher Opernchefs Alexander Pereira, der stets für volle Häuser garantieren konnte.

Und die Berliner holen sich aus Wien den auch nicht gerade für seine publikumsfreundlichen Produktionen bekannten Barrie Kosky, dessen total verunglückten „Lohengrin“ Dominique Meyer schnellstens aus dem Wiener Staatsopern-Spielplan wieder eliminieren möchte. Dass die Chose in Berlin weitergehen wird wie gewohnt, ist mit der Personalentscheidung vielleicht garantiert. Dass Zürich nach dem Marthaler-Debakel im Schauspielhaus auch an der Oper einen Absturz erleben könnte, ist zumindest in den Bereich des Möglichen gerückt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)

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