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Kritik: Tanz: Happy End am „Schwanensee“

Das Kirov-Ballett gastiert in Wien: Millimetergenau, märchenhaft.

Und siehe da: Er kriegt sie doch. Kurz bevor der Vorhang fällt, darf Prinz Siegfried in der „Schwanensee“-Version des Mariinsky Theaters, das drei Tage lang an der Volksoper gastiert, seine Odette in die Arme schließen. Dem fiesen Zauberer Rotbart – in dieser Inszenierung ein schwarz gefiederter, maskenhaft geschminkter, kraftstrotzender Geselle (Konstantin Zwerew) – hat er zuvor einen Flügel ausgerissen und ihn dann getötet. Happy End am See also, auf dem zuvor die Plastik-Schwäne vorbeizogen, als ginge sie das alles nichts an. Überhaupt wirkt der Ballett-Klassiker in der Darbietung des ehemaligen Kirov-Balletts (das Theater hieß von 1935 bis 1992 nach dem in der Stalin-Ära ermordeten Politiker Sergej Mironovic Kirov) weniger bedeutungsschwanger als die Version der Wiener Staatsoper – dort geht die Sache für die beiden aber bekanntlich auch nicht gut aus.


Sogar die Tutus wippen synchron

Das Ensemble aus St.Petersburg trumpft nicht nur mit hervorragenden Solisten (und märchenhaften Kostümen) auf – vor allem ist es das Corps de ballet, das, eisern gedrillt, mit millimetergenauer Übereinstimmung und bis in den kleinen Finger präzis einstudierten Bewegungen einen wogenden Rahmen um die fantastische Handlung baut, wie es wohl keine Tanz-Kompanie sonst könnte. Sogar die Tutus scheinen zu wissen, wann sie in welche Richtung zu wippen haben. Es ist der perfekte Gleichklang dieses Kollektivs, die bis zur Akribie gesteigerte Detailverliebtheit in der Einstudierung, die fasziniert.

Erwartet virtuos sind die Solisten: Allen voran Viktoria Tereschkina, die als Odette/Odile für die erkrankte Uljana Lopatkina einsprang. Hätte man es nicht in der Ankündigung gelesen, man hätte es nicht bemerkt. Die erste Solotänzerin des Mariinsky zeigte vor allem als unheilverkündende Odile eine strahlende Eleganz und durchtriebene Verführungskraft, wie sie nur wenige in dieser technisch höchst anspruchsvollen und kraftraubenden Rolle entwickeln können. Danila Korsuntsew ist – ganz in Weiß und Silber – ein Prinz wie aus dem Märchenbuch: würdig, sprunggewaltig, elegant. Andrej Iwanow entzückt das Publikum als quirliger, vor Energie nur so sprühender Narr. Dirigent Boris Grusin treibt das Orchester an und lässt das Ballett teilweise in Spitzengeschwindigkeit durch den Abend fegen. Für diese Ausnahme-Truppe kein Problem.

„Schwanensee“: 30.6., 19.30, Volksoper.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)