Die Wall Street hat den schlechtesten Juni seit 1930 hinter sich – und es bleibt trüb. Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden, negative Überraschungen sind weiter jederzeit möglich.
New York(br). An der Wall Street herrscht der Frühsommer-Blues. Die Aktienkurse befinden sich angesichts der Öl-Rekordpreise und Sorgen um eine erneute Ausuferung der Finanzkrise unter massivem Druck. Der Juni 2008 verspricht mit bisherigen Kursverlusten von rund neun Prozent für den Dow-Jones-Index der schlimmste Juni seit 1930 zu werden.
Die wichtigsten Börsenindizes wie der Dow-Jones-Index und der Standard & Poor's 500-Index haben in diesem Jahr rund zwölf Prozent an Wert verloren und liegen um rund 19 Prozent unter ihren Höchstständen vom Oktober vergangenen Jahres. 20 Prozent Kurseinbußen sind die Schmerzgrenze, die in der Wall Street als Baisse-Signal gelten.
Der Dow-Jones-Index sackte zuletzt scharf auf rund 11.400 Punkte ab. Im vergangenen Oktober war er über 14.000 Punkten gelegen. Der S&P-500-Index und der mit Technologieaktien vollgepackte NASDAQ-Index haben fast ebenso starke Einbußen wie der Dow verbucht.
Aktionäre, die glauben, dass es jetzt nicht mehr tiefer geht, sollten beim Einstieg vorsichtig sein: Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden, negative Überraschungen sind weiter jederzeit möglich.
Besonders schlimm sind die Kursverluste bei den Aktien der Banken und Investmentbanken. Sie haben im Schnitt innerhalb der vergangenen 18 Monate rund die Hälfte an Wert verloren. Die Aktien von Citigroup, Merrill Lynch, Lehman Brothers, Washington Mutual und vieler anderer Finanzdienstleister haben noch größere Einbußen verbucht. Banken in aller Welt haben inzwischen im Zuge der Finanzkrise rund 400 Milliarden Dollar Abschreibungen vorgenommen, und ein Ende ist nicht in Sicht. In den USA greift die Immobilien- und Finanzkrise jetzt auch auf die Regionalbanken über.
Die General-Motors-Aktien sind auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten gefallen. 2008 dürfte mit einem US-Branchenabsatz von unter 15 Millionen Autos das schlimmste Autojahr für Detroit seit mehr als einem Jahrzehnt werden. Die Ford-Aktien stehen ebenfalls unter massivem Druck. GM, Ford und Chrysler sind mit ihrer bisher auf Benzinfresser wie große Pickups und Geländewagen konzentrierten Produktpaletten am schlimmsten betroffen.
Pharma- und Industrieaktien befinden sich ebenfalls auf raschem Rückzug. Das gilt auch für die Anteile von Baufirmen, für Konsumgüterwerte und Technologieaktien.
Finanzkrise ist ungelöst
Die Finanzkrise ist ungelöst. Sie scheint sich nach einem zwischenzeitlichen Hoffnungsschimmer nach dem Bear-Stearns-Debakel im März wieder zu verschlimmern. Die amerikanischen Hauspreise fallen rasant weiter. Sie liegen jetzt im Schnitt um 15 Prozent niedriger als vor Jahresfrist. Gesamt-Preiseinbußen von mehr als 30 Prozent sind durchaus denkbar.
Die amerikanische Notenbank (Fed) ist mit ihrem Latein am Ende. Sie müsste wegen der auf rund vier Prozent gestiegenen Inflation eigentlich die Zinsen anheben, kann dies aber angesichts der prekären US-Konjunkturlage und der ungelösten Immobilien- und Finanzkrise momentan nicht tun. Sie hat deshalb in dieser Woche ihren sehr niedrigen Leitzins von zwei Prozent nicht erhöht. Jetzt rechnet die Wall Street erst später im Jahr und 2009 mit Zinserhöhungen. Steigende Zinsen sind ebenfalls Gift für die Börsen.
Die amerikanischen Verbraucher, die mit ihren Käufen rund zwei Drittel der US-Wirtschaft repräsentieren, sind in Defensivstellung. Sie befinden sich angesichts der rasant steigenden Benzin- und Lebensmittelpreise, eskalierender Arbeitslosenzahlen und fallender Hauspreise in der Klemme.
Steuererhöhungen drohen
Washington hat mit Steuergeschenken von 100 Mrd. Dollar an die Steuerzahler und rund 68 Mrd. Dollar an Unternehmen Hilfe geleistet, doch treibt dies das US-Haushaltsdefizit wieder in die Höhe. Sollte Barack Obama neuer amerikanischer Präsident werden und die Demokraten ihre Führung im Kongress bei den Herbstwahlen weiter ausbauen, drohen erhebliche Steuererhöhungen für Investoren und reiche Amerikaner. Dies drückt die Stimmung an der Wall Street ebenfalls.
auf einen blick
■Der Aktienmarkt in New York hat den schlechtesten Juni seit 1930 hinter sich, Besserung ist aber nicht in Sicht.
■Experten warnen Anleger, zu glauben, jetzt seien schon wieder Einstiegschancen gegeben: Die Finanzkrise ist noch tief greifender als befürchtet und sie greift auf immer mehr Sektoren über. Die unmittelbaren Aussichten für Aktionäre sind in den Staaten also eher trüb.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)