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Spanien ist Europameister - "El Nino" als gefeierter Held

(c) AP (Martin Meissner)
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Liverpool-Torjäger Fernando Torres und das geniale Kurzpass-Spiel der Spanier vermasselten den Deutschen die letzte Etappe einer anstrengenden Bergtour. Michael Ballack wurde zum ewigen Zweiten.

WIEN. Vor dem großen Finale im Wiener Happel-Stadion hatte sich alles um die „Wade der Nation" gedreht. Ganz Fußball-Deutschland bangte, ausgerechnet vor dem EM-Finale hing der Einsatz von Michael Ballack an einem seidenen Faden. Besser gesagt an einigen Muskelsträngen, die im Semifinale gegen die Türkei beleidigt wurden. Der Kapitän hatte das letzte Training verpasst, die medizinische Abteilung des DFB mit Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt vollbrachte jedoch wieder einmal ein kleines Wunder - und Ballack konnte seine Mannschaft aufs Feld führen. Der Chelsea-Legionär, der vor einem Monat das Finale um die Champions League verloren hat, biss die Zähne zusammen. Aber es nützte alles nichts, Ballack ist seit gestern ein ewiger Zweiter.

Endspiele und Ballack, das ist eine eigene Geschichte. Bei der WM 2006 im eigenen Land kam das Aus im Semifinale gegen Italien, beim WM-Finale 2002 in Japan war der Mannschafts-Führer gesperrt, mit Leverkusen hat er einst die Meisterschaft in der letzten Runde in Unterhaching verspielt. Und obendrein das DFB-Pokal-Endspiel. Nur mit Bayern München konnte er in der Vergangenheit jubeln.

Killer mit Baby-Face

Arsene Wenger, der weise Trainer von Arsenal Wenger, hatte die wundersame Genesung von Ballack vorhergesagt. Und auch mit seinen anderen Prognosen lag er weitgehend richtig. „Die Deutschen spielen ein sehr einfaches, aber effizientes Spiel", hatte er gemeint. „Bei ihnen dreht sich alles um die physische Effektivität. Und um die Effizienz" Die Spanier hingegen wären ein auserwählter Repräsentant des technisch ausgezeichneten Kurzpass-Spiels. „Aber Spanien wird mehr Chancen herausspielen müssen, will Espana gewinnen."

Die Deutschen präsentierten sich gleich in den Anfangsminuten als aggressivere Elf, sie wollten Star-Torhüter Iker Casillas keinen ruhigen Abend gönnen. Klose und Hitzlsperger gaben zumindest Warnschüsse ab, die spanische Abwehr brauchte über zehn Minuten, um sich auf das System von Jogi Löw einzustellen. Aber dann waren die Iberer hell wach. Vor allem Fernando Torres, den sie „El Nino" nennen. Der Torjäger vom FC Liverpool wirbelte die Abwehrreihe des Gegners ordentlich durcheinander - auch ohne seinen kongenialen Partner David Villa, der verletzungsbedingt zum Zusehen verurteilt war.

Der größte Trumpf, hat Spaniens Teamchef Luis Aragones immer wieder gemeint, ist die Geschwindigkeit des Balles. Vor allem Torres machte sie sich im Euro-Endspiel zu nutze. Im „Killer" mit dem Baby-Face steckt eine Sprintrakete, die jede Abwehr der Welt in größte Schwierigkeiten bringen kann. In der 23. Minute krachte ein Kopfball des Liverpool-Stars noch an die linke Stange, in der 34. Minute jedoch half auch kein Aluminium mehr. Torres wurde ideal von Xavi Hernandez in die hohle Gasse geschickt, der deutsche Außenverteidiger Philipp Lahm bestätigte wie schon gegen die Türkei seine enormen Schwächen in der Defensive und Spaniens Nummer 9 schupfte den Ball über Jens Lehmann zum 1:0 ins Tor.

Aragones schrieb Geschichte

Auf den Tribünen brodelte es, auf dem Rasen wurde das Duell immer hitziger. Ballack trug ein Cut davon, er lieferte sich ein Wortgefecht mit Casillas (Gelb für beide), er grätschte und er fightete - blieb aber glücklos. Der Kapitän stand stellvertretend für seine Mannschaft. Nach England-Vorbild stimmten die deutschen Fans die Hymne an, die Spanier hingegen bewiesen taktisches Geschick, ließen den Ball laufen. Die „Seleccion" beherrscht es perfekt, von Defensive auf Offensive umzuschalten, das geht oft so schnell, dass Abwehrspielern schwindlig wird. „Tiqui Taca" nennen das die Spanier. Eine Spielweise, die dem Gegner einfach den Atem raubt.

Die Spanier sind ein verdienter Europameister, sie haben bei der Endrunde in der Schweiz und in Österreich alle ihre Spiele gewonnen, die meisten davon in beeindruckender Manier.

Teamchef Luis Aragones hat mit seinem Team den Deutschen die „Bergtour" vermasselt. Er ist mit seinen 69 Jahren und 338 Tagen der älteste Trainer, der jemals eine Mannschaft zu einem EM-Triumph geführt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)