Ornithologie: Die neue Ordnung der Vögel

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Kolibris stammen von Nachtschwalben ab: Der erste auf umfassenden Gen-Vergleichen beruhende Stammbaum der Vögel bietet Überraschungen wie diese.

Äußerlichkeiten trügen; und nur weil zwei Vogelarten im Wasser (oder am Boden oder am Strand) leben, müssen sie noch lange nicht nahe verwandt sein: Das lehrt die größte phylogenetische Untersuchung über Vögel bisher (Science, 230, S.1763), unternommen von einem Team unter Leitung von Rebecca Kimball (University of Florida, Gainesville).

Verglichen wurden 19 DNA-Sequenzen, insgesamt ca. 32.000 Basen lang, und zwar von 169 der ca. 9500 heute lebenden Vogelarten, breit gestreut über alle Gruppen. Dann wurde ein Stammbaum erstellt. Und der kommt allen Ornithologen auf den ersten Blick vertrauenswürdig vor: Denn sozusagen in Nähe der Wurzel gleicht er der herkömmlichen Systematik der Vögel. Die erste Verzweigung teilt die Klasse in Paelaognathae (Urkiefervögel) und Neognathea. Zu den Urkiefervögeln gehören die flugunfähigen Laufvögel (Strauß, Kiwi, Emu usw.) und die Steißhühner; zu den Neukiefervögeln alle anderen. Die sich wiederum – auch da passt der genetische Befund – in Galloanserae (Hühner, Enten) und Neoaves teilen.

Zu den Neoaves zählen 95 Prozent der lebenden Vogelarten. Und wie man die vernünftig einteilt, ist erstens umstritten. Zweitens bringt die Genetik hier einige Überraschungen. So scheint die beliebte Idee unhaltbar, dass die gemeinsamen Ahnen der Neoaves den heutigen Watvögeln (Regenpfeiferartige) ähnlich waren.

Tropikvögel sind den Tauben nahe

Dem Ursprung näher sind zwei andere Gruppen: Zu einer gehören u.a. die Tauben und die Stelzenrallen, aber auch die am Meer lebenden Tropikvögel, zur anderen die Nachtschwalben und die Seglervögel (darunter die Kolibris). Es scheint, dass sich die bunten und höchst tagaktiven Kolibris aus Vorfahren entwickelt haben, die unscheinbar grau oder braun und nachtaktiv waren.

In der nächsten Gruppe finden sich Trappen, Kuckucksvögel und einige, aber nicht alle Kranichvögel, Die Wasservögel werden von der Gen-Analyse ebenfalls nicht alle in eine Gruppe gesteckt: Pelikane, Störche, Albatrosse und Pinguine gehören zwar näher zusammen, nicht aber die Flamingos (die stehen den Tauben viel näher).

Bleiben die bereits erwähnten Watvögel und eine große Gruppe von Landvögeln: darunter Sperlingsvögel (mit Amsel, Drossel, Fink und Star und der ganzen Singvogelschar), Papageien, Falkenartige, Racken, Spechte, Eulen, Habichtartige (Adler, Geier). Auch hier gibt es Überraschungen, so sind die Falken gar nicht so nahe verwandt mit den Adlern und Geiern, viel näher stehen sie den Singvögeln und Papageien.

Offenbar haben sich etliche Eigenschaften und Verhaltensweisen nicht nur einmal entwickelt. Etwa nächtliche resp. tagaktive, wasser- resp. bodennahe oder räuberische Lebensweise. Auch der Verzicht aufs Fliegen, wohl sogar das Fliegen selbst. So haben sich die Steißhühner unabhängig von den Vorfahren aller anderen fliegenden Vögel aus urtümlichen Laufvögeln entwickelt: Sie fliegen unbeholfen, aber sie fliegen.

Solche Anpassungen des Lebensstils, getrieben durch offen stehende „Nischen“ in der Umwelt, verlaufen erstaunlich schnell. Entsprechend schnell haben sich die heute existierenden Vogelgattungen herausgebildet, sie waren schon „fertig“, als die großen Brüder der Vögel, die Dinosaurier, vor zirka 65 Millionen Jahren ausstarben, meinen die Forscher: Begonnen habe dieser Evolutionsschub erst vor 100 Millionen Jahren. Diese kurze Zeit erkläre, warum man relativ wenige Übergangsformen als Fossilien hat, und auch die Probleme der Systematiker. Denen gibt der genetische Befund jetzt einiges auf.

LEBENDE DINOSAURIER

Die Vögel entwickelten sich aus kleinen räuberischen Dinosauriern, darum fassen strenge Zoologen die Wirbeltier-Klassen „Reptilien“ und „Vögel“ in einer Klasse zusammen: den „Sauropsiden“. Die Saurier-Ahnen der Vögel waren vermutlich Bodenläufer und bereits Warmblütler, die Federn dienten anfangs nur der Wärmedämmung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2008)

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