Eine Sperre des Rings für Autos bringt im besten Fall viele Autofahrer zum Umsteigen auf Straßenbahn oder Fahrrad.
Die Älteren erinnern sich: Als Graben (1971), Kärntner Straße (1974) und Stephansplatz zu Fußgängerzonen erklärt wurden, setzte es Proteste, etwa von der Wiener Volkspartei: Es sei doch unvorstellbar, dass auf diesen wichtigen Einkaufsstraßen keine Autos fahren! Heute ist es unvorstellbar, dass sich am Stock im Eisen das Blech staut.
Viel schneller haben sich die Wiener an die temporäre Sperre des Rings gewöhnt, es gab in den vier Wochen nicht mehr Staus in Ring-Nähe als sonst, eher weniger. Das liegt an einem scheinbaren Paradoxon des Autoverkehrs: Mehr Verkehrsflächen führen nicht zu geringerer Verkehrsdichte. Egal wie viele Fahrspuren zur Verfügung stehen, sie sind immer voll, knapp an der Unerträglichkeit. Schuld ist wohl die große Leidensbereitschaft vieler Autofahrer, die Stau und Ärger auf sich nehmen, um sich, verstärkt durch einen ein bis zwei Tonnen schweren Panzer, als „Individuum“ zu fühlen. Wobei viele davon kaum je ausprobiert haben, um wie viel besser und angenehmer sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln und/oder mit dem Rad vorankommen.
Umwelt- und Klimaschutz sind ernste Argumente für die Drosselung des städtischen Autoverkehrs (der unverhältnismäßig mehr Schadstoffe produziert als der Überlandverkehr). Die Aussicht auf steigende urbane Lebensqualität spricht eine freundlichere Sprache: Wie schön wäre der Ring als Boulevard für Menschen und nicht als Stauzone für Autos!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2008)