Warum „Satisfaction“ der beste Popsong aller Zeiten ist.
Das zerrissene Ich. Das dekonstruierte Ich. Das fraktalisierte Ich. (...) Es ist seltsam: Je mehr die Wirtschaft dem Menschen abverlangt, ein kreatives, autarkes Individuum zu sein, eine „Ich-AG“ (inkl. selbstverwalteter Sozialversicherung) zu verkörpern, umso zaghafter wird das Ich in der Popmusik.
Schon in „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana (1991) sprach nur mehr ein „wir“ als Objekt der Unterhaltungsbranche („Here we are now, entertain us!“), in anderen programmatischen Songs wie „Loser“ (Beck, 1993) oder „Creep“ (Radiohead, 1992) war nur mehr ein schwaches, mit sich selbst höchst unzufriedenes Ich zu hören. Und auf dem neuen Album von „Coldplay“ gehört das lauteste Ich (im Titelsong „Viva la vida“) dem König Karl X., auf dessen Kopf, serviert auf einem Silbertablett die Revolutionäre warten...
Wie ungebrochen meldeten sich dagegen diverse erste Personen Singular im klassischen Pop der Sechziger zu Wort! Fordernd, protestierend, das Glück fordernd, das Altern verweigernd: „Hope I die before I get old“, stotterte Roger Daltrey in „My Generation“ (1965). Der beste, haltbarste Ich-Song stammt aus demselben Jahr: „(I Can't Get No) Satisfaction“, geschrieben vom 21jährigen angehenden Studienabbrecher Mick Jagger, zu einem ostinaten Gitarrenthema in E-Dur, das seinem Kompagnon Keith Richards, wie er gern erzählte, im Schlaf eingefallen war. Was glaubhaft ist, handelt es sich doch um die Essenz, um nicht zu sagen: den Archetyp eines Gitarrenriffs.
„Satisfaction“ ist so haltbar, weil das Ich, das da singt, nie befriedigt und/oder befriedet werden kann. Der Song disqualifiziert die Reaktion des Macho-Hardrockers – „Ich krieg' schon meine Befriedigung! – gleich vorweg; er ist ein Schrei nach Konsum und Konsumkritik zugleich. Myriaden von Bands und Solisten haben ihn nachgespielt, alle sind daran gescheitert, sogar große schwarze Stimmen wie Roy Orbison. Ganz besonders aber jene, die es – wie die New-Wave-Künstler von „Devo“ oder „The Residents“ – dekonstruktivistisch angingen. „Satisfaction“ braucht das nicht, es dekonstruiert sich selbst, ohne seinen Stolz aufzugeben. Es enthält Ironie und Selbstironie in der einzigartigen Mischung Mick Jaggers, der ja nur wegen seiner allzu offensichtlichen Lebenslust nicht als das anerkannt wird, was er zweifellos ist: einer der klügsten Köpfe des Pop. Der auch mit „Salt of the Earth“ einen der intelligentesten Kommentare zur Revolutionsattitüde des 1968er-Jahres geschrieben hat. Das beste Kinderschlaflied („Child of the Moon“) auch. Das schönste Winterlied seit Franz Schubert sowieso.
Auf „Satisfaction“ steht natürlich heute eine Jahreszahl, es atmet den Geist der Sechzigerjahre. Dass es trotzdem aktuell geblieben ist (was man auf jedem zweiten Maturafest des Jahrgangs 2008 überprüfen kann), liegt auch daran, dass die Sechzigerjahre das Teenage des Pop waren und dieser beharrlich (wenn auch immer häufiger im Rückblick) das Teenage des Lebens glorifiziert.
Und an seiner unverderblichen Unverschämtheit. Niemand würde es heute anstößig finden, wenn Mick Jagger (wie einst gedeutelt wurde) in der dritten Strophe wirklich darüber sänge, dass ein Mädchen sich ihm verweigert, weil sie ihre Tage hat; doch die Obszönität hört man noch durch. Und die pure Dringlichkeit. Hier will einer etwas, weiß selbst gar nicht genau, was; aber es ist ihm ein ziemliches Anliegen. „Hey, hey, hey, that's what I say“, das bleibt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2008)