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Kann denn Mode Sünde sein?

Warum ein Urteil heikel ist, Mock aber „Mr. Kurze Hosen“ bleibt.

Es kann für einen Politiker so einfach sein, Geschichte zu schreiben. Zumindest Modegeschichte. Er muss nur kurze Hosen tragen. Bei einem Staatsbesuch. Ein Fauxpas, der so klar ist, dass er nicht einmal im Protokoll- und Etikette-Seminar der Diplomatischen Akademie erwähnt wird. Und der doch einem Außenminister passierte: Alois Mock, 1987, in Jordanien. Wo es zwar zugegeben heiß, aber blankes Bein – auch beim Yacht-Treffen – tabu ist.

Dieses unvergessene und wohl prominenteste Beispiel illustriert, warum Politiker und dergleichen in Stilsünden-Listen meist zahlreich vertreten sind. Weil: Wo eindeutige Regeln, da eindeutige Verstöße. (bzw. – siehe Joschka Fischer – billige Möglichkeiten, zu provozieren). Die Fehler können noch so klein und banal sein, sie fallen auf: Ein Weltbank-Chef mit löchrigen Socken mag zwar ein sparsamer Mann sein. Den einhelligen Spott der (in dem Fall türkischen) Öffentlichkeit muss er trotzdem aushalten.

Und das zu Recht. Allerdings: Außerhalb des Stil-Universums der seriösen Berufskleidung verschwimmen einem leicht die Begriffe. Mode? Sünde? Ein so gewichtiges Wort tippen dann nur mehr Leute wie „Stil-Guru“ Richard Blackwell oder die Vogue-Crew leicht in die Tasten, die von der zeitlosen Heiligkeit ihres Tuns überzeugt sind – nämlich zu sagen, was geht. Und was nicht.

Alle anderen, vielleicht Klügeren, zögern. Immerhin ist Mode, wie Priska Morger (Designerin des Labels Radic/Morger und künstlerische Assistentin an der Universität für angewandte Kunst Wien) formuliert, stets „contemporary minded“, ein Ausdruck des Zeitgeists, die Visualisierung eines momentanen Lebensgefühls. Weshalb im Nachhinein über Jane Fondas populären Aerobic-Look zu lachen (zumindest so lange, bis er wieder kommt) genauso platt und falsch ist, wie den wiewohl skandalträchtigen Aufmarsch von Damen in Hosenröcken auf der Kärntner Straße anno 1911 als Stil-Faupax zu kategorisieren.

Der übrigens darlegt, warum „alte“ Stilfehler ex post so schwer auszumachen sind: Vieles, worüber man sich im 19. Jahrhundert bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts gut dokumentiert erregte, war nämlich nicht „daneben“, sondern bloß neu. Von Ottos Flitzer-Auftritt vielleicht mal abgesehen.

Apropos „daneben“: Tatsächlich fällt man dieses Urteil nicht einmal dann locker, wenn jemand offiziell zum „Abschuss“ freigeben ist. Wie TV-Moderator Thomas Gottschalk. Denn könnte hinter dessen wahlweise güldenen oder kunstledernen Jacketts nicht eine Botschaft stecken? Bunter Protest dagegen, dass der Mann an sich, der ja früher modisch die Hauptrolle spielte, sich seit fast 200 Jahren mit einem Statisten-Dasein in dezenten Farben begnügen muss? Nun, realistisch: eher nicht. Ähnliches gilt – leider, liebe Fans des Charlotte-Roche-Feminismus – auch für Nenas Achselhaar, in dem sich kein Bekenntnis finden lässt.

Schade eigentlich. Weil es andersrum ja viel spannender wäre. Denn, so Morger: „Es gibt nichts Langweiligeres als das brave Befolgen von Trends und nichts Oberflächlicheres als In-Out-Listen.“ Gehe es doch bei Mode-Konsum um Individualismus: „Leitlinien sind nur für die da, die sie brauchen.“ Alle anderen dürften, nein, sollten abseits des Business-Codes tragen, was gefällt. Wenn es sein muss, auch Röhrenjeans und Arschgeweih-Tattoo. Weil, so Morger: „Wenn eine Frau eine super attitude hat, ist das egal.“ Was zur unbefriedigenden Antwort führt: DieModesünde gibt es nicht,bloß uns – in wechselnden Rollen – als „Modesünder“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2008)