Studie: „Verschärfte Kontrollen sind nicht die Lösung“

Oxford-Experten sehen keine Überschwemmung Europas durch afrikanische Armutsflüchtlinge und fordern eine Legalisierung.

WIEN. Die schrecklichen Bilder der Bootsflüchtlinge aus Afrika sind laut den Experten des „International Migration Institute“ an der Universität Oxford nur eine Facette des gesamten Problems. In einer jüngsten Studie versuchen sie mit den „Mythen“ der Überschwemmung Europas durch illegale Zuwanderer aus den ärmsten Regionen Westafrikas aufzuräumen. Sie zeigen, dass nordafrikanische Länder mittlerweile deutlich mehr von der Migrationswelle betroffen sind als südeuropäische Länder. Und, dass eine stärkere Kontrolle der Küstengrenzen das Problem nicht schmälern wird.

Die illegale Zuwanderung über den Seeweg nach Südeuropa sei laut der Oxford-Studie zwar in der öffentlichen Wahrnehmung am sichtbarsten. Doch die meisten Einwanderer aus ärmeren Ländern Westafrikas kämen auf anderen Wegen und meist ganz legal nach Europa. Viele würden mit einem Touristen- oder Studenten-Visum einreisen und bleiben, nachdem diese Aufenthaltsbewilligung abgelaufen ist. Während es jährlich bis zu 35.000 Zuwanderer schaffen, über riskante Routen aus Westafrika und das Mittelmeer bis in EU-Staaten zu gelangen, sind es auf „legalem Weg“ mit Visa etwa 100.000.

Hauptziel wird Nordafrika

Die meisten Migranten aus ärmeren Ländern Afrikas bleiben freilich in Nordafrika. „Es ist ein Mythos, dass all diese Menschen, die durch die Sahara nach Nordafrika gewandert sind, nach Europa weiterreisen möchten“, behauptet die Studie. „Schon jetzt leben weit mehr Afrikaner aus Ländern südlich der Sahara in Nordafrika als in Europa.“ Dieser Trend könnte sich noch fortsetzen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung in einigen nordafrikanischen Länder anhält.

Diese Einschätzungen der Wissenschaftler teilt auch das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR). 83 Prozent der afrikanischen Flüchtlinge wandern innerhalb des Kontinents und gelangen nie nach Europa, so UNHCR-Sprecher Roland Schönbauer. Unter den Asylwerbern, die im Vorjahr in der EU einen Antrag gestellt haben, war lediglich jeder vierte ein Afrikaner.

Dennoch will auch die britische Studie unter Leitung von Hein de Haas das Problem nicht kleinreden: Die Ursachen der Zuwanderung aus westafrikanischen Ländern nach Nordafrika und in die EU seien vielschichtig. Einer der Gründe neben den politischen Unruhen in den Herkunftsländern sei die steigende Nachfrage nach billigen Arbeitskräften in Staaten wie Libyen oder Spanien. Die Wanderungsbewegung müsse deshalb nicht allein als Gefahr, sondern auch als Ausgleich auf einem großen Arbeitsmarkt verstanden werden.

Die Anziehungskraft der Arbeitsmärkte in reicheren Ländern kann auch das UNHCR in seinen Statistiken erkennen. Laut Schönbauer stellen viele afrikanische Zuwanderer, die es bis zu den kanarischen Inseln oder Südspanien schaffen, gar keinen Antrag auf Asyl. „Sie suchen lediglich eine Beschäftigung.“ Anders ist die Lage in Süditalien und Malta. Hier gebe es zum Beispiel viele Somalis, die als Flüchtlinge anerkannt werden möchten.

Anziehungskraft Schwarzarbeit

Die Oxford-Studie geht davon aus, dass die Zuwanderungswelle aus ärmeren Regionen Afrikas sich zwar verlagern, aber anhalten wird. Ob die derzeit wieder diskutierte Verstärkung des Grenzschutzes das Problem löst, darüber sind die Experten skeptisch. Dies würde die Migrationswelle nicht eindämmen, sondern zu neuen Routen und höheren Risiken und Kosten für die Zuwanderer führen. Solange es keine neuen Formen der legalen Zuwanderung entsprechend der Nachfrage am Arbeitsmarkt gebe, solange die Schwarzarbeit floriere, werde es weiterhin ein größeres Maß an illegaler Zuwanderung geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2008)

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