Schauspielerin Vanessa Redgrave über ihr Solo in Salzburg und die seltsamen Wege der Trauer.
Wie geht Vanessa Redgrave mit dem Thema Tod um? Die britische Schauspielerin zögert. „Das ist eine sehr persönliche Frage. Es macht einen Unterschied aus, ob ich die Hekabe spiele, in einem historischen Stück an einem fremden Ort, oder eine wahre Geschichte bringe. Eine wahre Geschichte löst viele Reaktionen in mir und dem Publikum aus. Bei Begräbnissen, jedenfalls bei jenen, bei denen ich war, weint man, lacht man auch, manchmal ist man sehr erstaunt darüber, wie herzlos man zuweilen lacht. Man sieht auch andere Menschen lachen und freut sich darüber.“
Im Gespräch mit der „Presse“ erklärt Redgrave, warum ihr die Dramatisierung eines Erinnerungsbuches von Joan Didion, das vom Sterben eines geliebten Menschen handelt, so wichtig ist. In „Das Jahr magischen Denkens“ (2005) schreibt die amerikanische Autorin über den Tod ihres Ehemannes John Gregory Dunne Ende 2003 und das Jahr der Trauer danach, von der schweren Krankheit ihrer Tochter Quintana, die gleichzeitig auf einer Intensivstation in New York um ihr Leben kämpfte.
Am Broadway und in London gefeiert
Am Broadway in New York (2007) und am National Theatre in London (2008) hat Vanessa Redgrave mit ihrem Soloabend über Didions Text bereits große Erfolge gefeiert. Sie sei die schönste lebende Person der Stadt, jubelte der „Observer“. Im Sommer kommt Redgrave für drei Abende mit diesem Programm zu den Salzburger Festspielen (11.–13.August), die Stadt ist eine Premiere für sie. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen diesem Stück und allen anderen, die ich bisher gespielt habe, nicht nur, weil ich alleine auf der Bühne stehe, sondern, weil es keine vierte Wand gibt. Als Schauspieler spreche ich in ,The Year of Magical Thinking‘ die ganze Zeit mit dem Publikum. Ich muss direkt kommunizieren.“
Regisseur David Hare und Redgrave haben nach New York für London noch einige einige Änderungen gemacht. „Für Salzburg werden wir nichts mehr ändern. Das ist jetzt fertig. Das Thema ist universal. Wenn man einen Partner, ein Kind verliert, ist das überall gleich.“ Redgrave lobt die Zusammenarbeit mit Regisseur David Hare, der auch die Bühnenfassung geschrieben hat. „David ist für mich wie ein Dirigent. Das Stück ist durchkomponiert, ich bin das Instrument. Wenn etwas verwaschen bleibt, ist das meine Schuld, denn der Text ist brillant.“ Er hilft Trauernden dabei, mit dem Verlust zurechtzukommen. Redgrave: „Wir wollten, dass die Zuseher bei der Aufführung auch lachen können, sie sollten nicht nur dort sitzen und sich denken, dass es jetzt ganz schwer wird. Sie sollten das Thema bewältigen und nicht mit Schreck erfüllt werden.“
Salzburgs Intendant Jürgen Flimm hatte Redgrave für 2006 zur Ruhrtriennale eingeladen. Sie las Gedichte von Pinter, es ging bei dem Projekt auch um das US-Lager von Guantánamo. Danach kamen die beiden auf das Didion-Buch zu sprechen. Flimm sah sich die Vorführung in New York an und war gerührt. „Wir gehen nach Salzburg“, jubilierte er. Und denkt jetzt sogar daran, dass diese „unvergleichliche Aufführung“ später auch in Deutschland gezeigt wird.
Die Trauer geht oft einen seltsamen Weg. „Joan bemerkt in ihrem Buch, dass sie den Prozess der Trauer lange nicht begonnen hat. Als sie diesen Prozess begann, fing sie wieder zu schreiben an. Ein Jahr lang aber war sie in Panik, zitterte wie verrückt um ihre Tochter, als sie bemerkte, dass ihr Mann, der Vater ihrer Tochter, nicht mehr da sein werde, um ihr bei der Rettung ihrer Tochter zu helfen. Das ist eine ganz spezielle Geschichte. Sie rührt mich jedesmal so sehr, wie sie auch das Publikum rührt. Das kann so etwas nicht mit Schauspieltechnik und Professionalität überdecken, diesen reinen Überlebenswillen.“ Für Redgrave werden Erinnerungen an Kalifornien, an New York wach: „Mein erster Mann, Tony Richardson, war der beste Freund von Joan und John, ich habe sie auch gut gekannt. Meine älteste Tochter hat in ihrem Appartement geheiratet.“
Auch Junge können tief trauern
Kann sich Redgrave eine 30-Jährige in dieser Rolle vorstellen? „Es scheint schwer vorstellbar, aber in New York kamen nach den Aufführungen viele junge Leute zu mir, die Vater oder Mutter oder ihren Partner verloren hatten. Also ist es vielleicht doch möglich, selbst wenn diese Trauernden nicht wie Joan 40 Ehejahre hinter sich hatten.“
Als Film kann sich Redgrave das Stück nicht vorstellen, das mit ganz einfachen Mitteln auskommt, mit einer Bühne, einem Stuhl, einem Buch. „Es ist ganz essenziell Theater, es ist ideal für dieses Medium und lebt darin.“ Das anwesende Publikum sei dafür wesentlich. „Sonst müsste man das Skript anders anlegen.“ Filme seien ein völlig anderes Medium. „Da gibt es ganz andere, ganz spezielle Herausforderungen. Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, dass es dort mehr auf den Regisseur ankommt als auf die Schauspieler, dass der Schauspieler weniger Aufgaben hat. Ich liebe beide Situationen.“ Selbst wenn sie schiefgehen. „Wie alle Schauspieler weiß ich; wenn der Filmregisseur sein Set ganz toll aufgebaut hat und dann seine Chance verpasst hat, bleibe ich still und mache meinen Job.“
REIHE „DICHTER ZU GAST“
■Prominent besetzt ist heuer das Literaturprogramm der Salzburger Festspiele: Nobelpreisträger Orhan Pamuk spricht über das globalisierte Sehen (4.8.), Jens Harzer liest aus seinem Roman „Schnee“ (2.8.), Dimitré Dinev diskutiert über Dostojewski (10.8.). Vanessa Redgrave kommt mit „The Year of Magical Thinking“ von 11.–13.8. ins Salzburger Landestheater. ? 0662/8045-0
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2008)