Wenn man brav ist, bekommt man's von der Sprache geschenkt“, sagte Karl Kraus, aber das stimmt nicht ganz, die Sprache gibt allen.
Auch dem Herausgeber der „Kronen Zeitung“, Hans Dichand, der nicht nur Briefe empfängt, sondern auch Minister und Geschenke. Über die er dann berichten kann: Die Außenministerin habe ihm „freundlicherweise ein kleines Geschenk mitgebracht“, schrieb er im eigenen Blatt, „das aber keineswegs als unerlaubt eingestuft werden kann, handelt es sich doch nur um ein schönes, elegant gerahmtes Foto von ihr“.
Ein Foto von ihr, dachte sich da der gemeine Mann, das muss aber eine eitle Person sein, eine feine Exzellenz! Das sollte er sich wohl auch denken. Laut Darstellung der Ministerin in einem offenen Brief (an den Herausgeber) aber war es „ein Foto der von Ihnen großzügig geförderten Hand-in-Hand-Schule in Jerusalem (...)“. Schuld an der Verwirrung ist die Doppeldeutigkeit des persönlichen Fürworts. „Von ihr“, das kann heißen: ein Foto, auf dem sie selbst zu sehen ist; oder ein Foto, das sie geschossen hat. (Oder beides: Vielleicht zeigt das Foto die Ministerin vor der Schule und sie hat einen Selbstauslöser betätigt?)
Berüchtigt ist eine ähnliche Doppeldeutigkeit beim Genitiv: Kants Kritik der reinen Vernunft z.B. ist eine Kritik an der reinen Vernunft, aber ist sie auch eine von der reinen Vernunft vorgenommene Kritik?
Vielleicht liegt es an solchen Spitzfindigkeiten, dass der österreichische Volksmund den zweiten Fall scheut und zur Rettung des Dativs beiträgt, indem er auf die eigentümliche Umschreibung mit Possessivpronomen und Dativ ausweicht, also z.B. „der Plassnik ihr Foto“ sagt, „dem Dichand seine Briefe“ oder „der Vernunft ihre Kritik“. Oder, wie ich unlängst ein siebenjähriges Mädchen sagen hörte, der das Wort „Dialekt“ nicht einfallen wollte: „der Mama ihre Sprache“. Wäre ich Herausgeber, würde ich mir selbst regelmäßig offene Briefe schreiben, nur um mir und allen anderen wieder und wieder diese rührende Variation des Begriffs „Muttersprache“ zu erzählen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2008)