Kobersdorf: Wie man Nestroy die Zähne zieht

„Zu ebener Erde und erster Stock“ als schlanker Schwank im Schloss.

Das waren Zeiten, als Theatermacher für ihre Stücke noch in den Arrest gingen! Fünf Tage fasste Nestroy aus, als er in einer Vorstellung improvisierte und einen missliebigen Kritiker den dümmsten Menschen von Wien nannte. Das erboste weniger als der Umstand, dass er überhaupt vom genehmigten Textbuch abwich.

Die Zensoren waren zu Recht nervös. Die Posse „Zu ebener Erde und erster Stock“ barg für Metternichs Wien ganz schön viel an sozialem Sprengstoff: eitle Prasser in der Beletage, schonungslos simultan geschaltet mit der bitteren Not im Erdgeschoß. Dahinter steht mehr Brecht als Bibel: Die Armen sind nicht besser als die Reichen, alle scheinen von der Gier verdorben, Geld regiert die Welt und die Regungen des Herzens. Das satirische Bömbchen ist von zeitloser Machart und könnte auch heute noch zünden – wenn Wolfgang Böck es ließe.

Der Intendant der Schlossspiele von Kobersdorf im Burgenland geht aber lieber auf Nummer sicher. Als Kieberer Trautmann spielte er sich in die Herzen der Österreicher, im Arkadenhof brilliert er als armer Schlucker Damian, urwienerisch in seinem routinierten Dreiklang aus Schmäh, Suff und gutartigem Opportunismus.

Den Rest überlässt er einem großteils blass bleibendem Team. Zu Herzen geht Isabella Gregor als Salerl, Damians lebenstüchtige Geliebte. Die Schlüsselrolle des betrügerischen Dieners Johann spielt Gerhard Kasal böse zugespitzt, aber doch zu eindimensional, um dämonisch zu wirken. Das liegt wohl auch an Regisseur Michael Gampe. Zwar kürzt er den Text geschickt zurecht und reduziert die Anzahl der Figuren. Doch aus Nestroys bitterem Konzentrat an bösen Pointen wird nach seinem Rezept ein leichter Sommerspritzer. Deshalb durften bei der Premiere – ein Großereignis für die kulturelle pannonische Tiefebene – auch alle zufrieden lächeln: Bundespräsident Fischer, Baumeister Lugner und der biedere Herr Meier aus dem Nachbardorf.

Bawag-Scherzchen zum A-cappella-Chor

Lächeln, aber trotz des herrlichen Sommerabends nicht herzhaft lachen. Die Textadaptionen und Couplets reißen nicht von den Plastiksesseln, die Anspielungen auf die Karibik-Spekulationen der Bawag lagen in der lauen Luft und hätten ruhig etwas frecher ausfallen können. Originell der Ersatz des Orchesters durch ein vokales „Schleichquartett“, das die singenden Schauspieler a cappella und mit Zusatzstimmen kräftig, zuweilen auch zu kräftig unterstützte.

Alles in allem: ein harmloser Sommerspaß, nach dem man auch mitten in der Hitzewelle ruhig schlafen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2008)

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