Spanien: Offene Gräber, offene Wunden

(c) EPA (Guido Manuilo)
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Emilio Silva suchte seinen von Franco ermordeten Großvater. Daraus wurde ein Verein, ein Gesetz und der schmerzhafteste politische Streit der letzten Jahre.

Madrid. Alles begann ganz privat: Den jungen Reporter Emilio Silva packte die Neugier. Er wollte Gewissheit über das Schicksal seines Großvaters. So viel stand fest: 1936, zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs, hatte ein Mordkommando von Falangisten den Greißler und Ortsvorsteher der republikanischen Partei in einem Dorf im Norden Kastiliens verschleppt und erschossen. Doch in welchem Massengrab ihn die Schergen Francos verscharrten, das wusste 64 Jahre lang niemand. Der Enkel wollte ihn finden und ihm eine würdige Ruhestätte verschaffen, an der Seite der Großmutter, die vor wenigen Jahren gestorben war.

Silva fand das Massengrab und öffnete es mit einem Archäologen und forensischen Medizinern. Er erinnert sich: „Wir haben zwei Wochenenden lang gegraben. Immer mehr Leute stießen dazu, die davon erfahren hatten, viele kamen von weit her. Sie alle hatten verschollene Familienangehörige. Gemeinsam beschlossen wir, den Verein zu gründen.“

Der Mythos der „Transition“

Dieser „Verein zur Wiedergewinnung des historischen Gedächtnisses“ wurde zu einer landesweiten Bewegung. 110 Massengräber in allen Gegenden Spaniens wurden geöffnet, 1100 Opfer identifiziert, alles ehrenamtlich und auf Basis privater Spenden.

Doch diese Großtat hat für viele Spanier einen Schönheitsfehler: Gesucht wird nur nach republikanischen Opfern. Das Schlachten aber fand aber auf beiden Seiten statt, bis zu 200.000 Republikaner und bis zu 65.000 Franquisten wurden ermordet. Silva rechtfertigt seine Einschränkung: „Die Opfer unter den Nationalisten wurden in fast vierzig Jahren Diktatur zur Genüge geehrt. Schon ab 1940 hat man sie exhumiert, ihre Nachkommen erhielten großzügige Subventionen und Privilegien. Die Kinder und Enkel der republikanischen Opfer warten bis heute auf staatliche Unterstützung und Entschädigung.“ Warum? Es geht dabei um den Mythos der „transición“. So nennen die Spanier die Jahre des Übergangs von der Diktatur zur Republik, von Francos Tod 1975 bis zum missglückten Staatsstreich von 1981.

In dieser Zeit schlossen die Feinde von einst einen Bund der Versöhnung und des Schweigens. Arturo García-Tizón, Kongressabgeordneter und früherer Obmann des konservativen Partido Popular, schwört noch heute auf den Pakt der Transition: „Wir wollten die unerfreuliche Vergangenheit vergessen. Alles war auf die Zukunft ausgerichtet.“ Dahinter stand ein handfestes Verhandlungsergebnis. Die Amnestie von 1977 bewahrte die Franquisten vor gerichtlicher Verfolgung. Sie behielten ihre Posten und ihre Privilegien. Im Gegenzug verwandelten sie sich in treue Anhänger des Rechtsstaats und der Demokratie.

Von diesem Pakt der politischen Eliten hat Spanien lange profitiert, auch dadurch, dass die extreme Rechte hier eine vernachlässigbare Rolle spielt. Doch ebenso lange litten die Nachkommen der Opfer unter dem Schweigen. Emilio Silva empört sich: „In jedem anderen Staat der Welt übernimmt der Staat die Aufgabe, Schuld aufzuarbeiten. So war es in Südafrika, in Argentinien, in Guatemala – nur in Spanien hängt dieses Menschenrecht von der Initiative von Freiwilligen ab.“ Geschwiegen wurde nicht nur in der Politik, auch in den Schulbüchern, Universitäten und Medien: „Jahrelang hat niemand über unsere Arbeit berichtet. Die erste Reportage über die Grabungen machte die deutsche ARD“, erzählt Silva.

Das änderte sich erst, als er 2003 in einem Gesetzesantrag Wiedergutmachung forderte. Der linke Premier José Luis Rodríguez Zapatero nahm sich des Themas an. Vergangenen Oktober passierte das „Gesetz des historischen Gedächtnisses“ das Parlament, nach langen, erbitterten Debatten. Denn für die konservative Opposition werden damit die alten, durch die Transition so großartig verheilten Wunden wieder aufgerissen: „Für einzelne Punkte haben auch wir gestimmt, aber das Gesetz als ganzes war völlig unnotwendig“, meint García-Tizón.

„Priester auf seiten der Henker“

Der vehementeste Gegner des Gesetzes war freilich die spanische Kirche. Die katholischen Priester standen im Bürgerkrieg großteils auf der Seite Francos, Hunderte fielen deshalb republikanischen Soldaten zum Opfer. Demonstrativ setzte der Vatikan in der gleichen Woche, als in Spanien das Gesetz beschlossen wurde, in Rom die größte Seligsprechung der Geschichte von fast 500 Priestern an.

„Die Kirche sieht sich nur in der Rolle als Märtyrer, aber nicht als Henker“, empört sich Silva. Doch andere Sorgen plagen ihn mehr: „Für uns hat sich nichts geändert, wir bekommen immer noch kein Geld vom Staat. Alles läuft langsam und bürokratisch, über Kommissionen und Gutachten. Bei uns stapeln sich 5000 Anfragen, die Leute sterben uns weg. Wir dürfen mit der Gerechtigkeit nicht mehr lange warten.“

ZUR PERSON

Emilio Silva ist Dokumentarfilmer und Soziologe. Vor acht Jahren gründete er den „Verein zur Wiedergewinnung des historischen Gedächtnisses“. Er organisiert die Öffnung von Massengräbern mit republikanischen Opfern des Bürgerkriegs. Seine Initiative führte zu einem Rehabilitationsgesetz, über das in Spanien jahrelang heftig diskutiert wurde. [gau]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2008)

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