Jazzfest Wien. Lou Reed führte sein Album „Berlin“ (1973) im Wiener Gasometer auf. Einst verkannt, klingt die triste Geschichte heute nur mehr so brüchig, wie sie ist.
Berlin“, Lou Reeds dritte Soloplatte aus dem Jahr 1973, ist ein teils an seinen Ansprüchen und weitgehend am Publikum gescheitertes Werk, groß angelegt, aber auch wirklich groß. Lou Reed versuchte damit erstmals, sein zentrales Thema im abendfüllenden Format, in einem „Konzeptalbum“ zu malen: die Unbarmherzigkeit, mit der Menschen, die von unten kommen, auch unten bleiben.
„The bias of the father runs on through the son“ sang er 1986 in „Endless Cycle“ auf seiner vielleicht besten Platte, die auch einen Städtenamen trägt: „New York“. Auf „Berlin“ sind hier die „men of good fortune“ und dort die „men of poor beginnings“, dazwischen steht Lou Reed und behauptet mit belegter Stimme: „Me, I don't care at all.“ Stimmt natürlich nicht. Empathie ist die wichtigste Qualität dieses so schroff und grantig wirkenden New Yorkers.
Es ist keine freundliche Welt, das von Reed (lange vor Ankunft David Bowies) als urbane Wüste fantasierte Berlin, in dem Jim und Caroline, die Hauptfiguren des Songzyklus, leben und abstürzen. Drogen, wie sie damals, vier Jahre nach Woodstock, noch vielen als „bewusstseinserweiternd“ galten, sind hier nur dürftige Selbstmedikation von Leidenden. Und Katalysatoren des Elends, der Kälte: Ihre Freunde nennen sie „Alaska“, heißt es im am unmittelbarsten bewegenden Song „Caroline Says II“ (den Reed schon mit „Velvet Underground“ als „Stefanie Says“ sang): Sie, seelisch noch mehr vereist durchs Amphetamin, stößt ihre Hand durch die Fensterscheibe, um ein „funny feeling“ zu spüren, der letzte Refrain kommentiert: „It's so cold in Alaska...“
Das geht ans Herz, auch durch die klare, fast naive Melodie, in der sich „ask her“ unrein auf „Alaska“ reimt. Lou Reed hat diese Melodie, sozusagen in Bob-Dylan-Tradition, in seiner Neubearbeitung von „Berlin“ aus dem Song entlassen. Genauso wie die von „Lady Day“, der anfänglichen Anspielung auf Carolines große Kollegin im Scheitern, die Jazzsängerin Billie Holiday.
Manieriertes Bühnenbild
Schade? Ja. Schließlich hat Lou Reed sonst keinen Aufwand gescheut, da wäre es auf die kleine Melodie nicht mehr angekommen... Zumindest der optische Aufwand hat sich nicht gelohnt: Die Meereswellen vor Beginn, begleitet von halbwildem Gitarren-Feedback (aus Reeds „Ecstasy“) bleiben das einzige packende Bild. Die pseudochinesische Tapete von Maler und Filmemacher Julian Schnabel ist erstens manieriert; zweitens verhindert sie, dass man die darauf projizierten Bilder gut verfolgen kann; was drittens wahrscheinlich ohnehin besser ist: Was man sieht, sieht nach Reality-TV-Klischee aus.
Das passt nur scheinbar zu Lou Reeds Songgeschichten. Die sind zwar rührselig, aber mit bewusster Kraft: Reed will rühren, will Tränen treiben, und zwar mit allen Mitteln – von den Kinderschreien in „The Kids“, wo die Fürsorge Caroline ihre Kinder wegnimmt, bis zur direkten Beschwörung des Gefühles („Oh, what a feeling!“), wenn Jim noch einmal das Zimmer sieht, in dem Caroline gelebt hat und gestorben ist.
Engel in der Großstadtwüste
An dieser Stelle übernimmt in der neuen Interpretation von „Berlin“ der „New London Children Choir“ mit seinem wunderbar reinen, klaren Gesang: So haben Engel in der Großstadtwüste zu klingen. Dass man danach beim „Sad Song“ tatsächlich im Video ein Kind mit Engelsflügeln sieht, ist dagegen unnötiger Kitsch. Das unbändige Arrangement hätte völlig gereicht: Im wilden Finale türmt Lou Reed noch einmal alles auf, Stimmen, Streicher, Bläser und die geballte Macht der elektrischen Gitarren, entfesselt von Lou Reed, Mike Rathke (der ihn z.B. auf „New York“ begleitet hat) und Steve Hunter, der schon 1973 dabei war.
Das ist viel. Es war auch damals viel, fast zu viel: Der Sound des Originalalbums war stellenweise so dick aufgetragen, dass die Instrumente einander erstickten, nur das Klavier setzte sich immer irgendwie durch, das gab „Berlin“ seinen seltsamen Hotelbar-Orchester-Appeal. In der Neuauflage hat wohl Produzent Hal Willner auf mehr Durchsichtigkeit geachtet, Elemente getrennt. Über weite Strecken, etwa in „Oh, Jim“, hört man nichts als Rock'n'Roll, wie Lou Reed ihn liebt: mäandernde, wetternde, kreischende Gitarren in stoischem Rhythmus, und zwar möglichst ohne Zeitbegrenzung. Das kann lang werden, das wurde öfters auch lang – und zerriss den Zusammenhang. Höchst effektiv dagegen sind einige Passagen mit Bläsern und Streichern: ein herzzerreißendes Zwischenspiel für „Caroline Says II“, wo Sängerin Sharon Jones wie aus der Ferne ruft, Klagen aus Alaska.
Überbordende Zugaben: „Satellite of Love“ als Gospel-Apokalypse, „Rock'n'Roll“ als Dampfwalze. Endlich eines der schönsten Lieder, die man je von Lou Reed gehört hat: das unveröffentlichte „Power of the Heart“, eine subtile Liebeserklärung (inkl. Heiratsantrag) in der Tradition von „Pale Blue Eyes“, nur erwachsener, älter. Kein Wunder: Lou Reed trennen 40 Jahre von den blassblauen Augen, 35 Jahre von „Berlin“: Glücklich der Mann, der seine jugendlichen Visionen so opulent ins Alter verfolgen kann!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2008)