Sich für kulturelle Abendanlässe besonders schön herauszuputzen, gilt als rettungslos verstaubt.
Wie die Leut' daherkommen! Ist doch wurscht, sagen die einen. Es ist nicht mehr zum Anschauen, resignieren die andern. Ich weiß nicht, ob es noch so ist, aber vor gut 20 Jahren wurde ich zum Fünfuhrtee im Londoner Savoy erst zugelassen, als ich ein zu meinem Pullover samt fashionabler Krawatte ganz und gar nicht passendes Sakko übergezogen hatte. Doch die Ästhetik ist nach Ende dieser vielfach nur noch als einengend empfundenen Zwänge immer noch keine gesellschaftlich relevante Kategorie.
In den Achtzigerjahren war es noch eine amüsant-hintergründige Pointe, dass ein Gast in einem Wiener Nobellokal dem Türsteher beschied: Meine Tennisschuhe kosten ungefähr doppelt so viel wie der ganze Dreiteiler samt Krawatte, den der Herr da am Mitteltisch trägt. Mittlerweile kann man im samtig-goldbrokatenen Ambiente schon in Freizeit-Hemden fernöstlicher Stangenproduktion dinieren. Wie man ja auch in der Staatsoper längst im Strandbäder-Look der Tosca zuschauen darf, wie sie von der Engelsburg springt. Sich für kulturelle Abendanlässe besonders schön herauszuputzen und damit einen Mindeststandard von Bekleidungs-Etikette zu wahren, gilt als rettungslos verstaubt. Und zwar schon einer ganzen Generation, deren Nachkommen das Problem daher gar nicht mehr als solches erkennen können.
Warum mir das gerade jetzt einfällt? Weil es hie und da im Lande doch ein Ereignis gibt, in dem äußere Form und Gehalt einer kulturellen Veranstaltung doch noch miteinander harmonieren. Im weststeirischen Stainz zum Beispiel erscheint ein festlich gestimmtes Publikum seit Jahr und Tag zum Höhepunkt der Styriarte in der prachtvollen Schlosskirche, um Nikolaus Harnoncourt und seinem Concentus wie dem Schönberg-Chor zu lauschen, wenn diese Spitzenwerke des klassischen Genres, Haydns große Messen oder (wie heuer) Mozarts „Krönungsmesse“ im wahrsten Sinne des Worts zum Besten geben.
Nun ließe sich auch hier trefflich argumentieren, dass auch in einem scheußlichen Ambiente wie der List-Halle und selbst dann, wenn im Publikum mehrheitlich T-Shirt-Träger säßen, ein Festival seine Bestimmung erfüllen kann. Gleich was dabei herauskommt, darf es von vornherein als festspielwürdig gelten, wenn ein Mann wie Harnoncourt, müde geworden regietheaterlicher Dilettantismen, erstmals nicht nur dirigiert, sondern höchstselbst auch in die szenische Gestaltung einer Opernproduktion eingreift. Und doch rangiert für manchen Zeitgenossen vielleicht auch auf Grund der äußeren Umstände das Stainzer Kirchen-Konzert noch ein wenig höher auf der Werteskala als der ganz und gar Harnoncourtsche Hallen-„Idomeneo“. So lang es noch Menschen gibt, denen besagte Differenzen überhaupt auffallen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2008)