Styriarte: Dem Meister die Gretchenfrage gestellt

(c) APA (Günter Artinger)
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Wenn Nikolaus Harnoncourt in der Pfarrkirche Stainz Mozart dirigiert, regiert das fröhliche Credo.

Die „Amadeus“-Frage, wie es denn der Komponist, der als Kirchenmusikus in Diensten des Salzburger Fürsterzbischofs oft als Fron empfundenen Dienste zu leisten hatte, mit der Religion gehalten haben mochte, sie ist oft gestellt – und nie schlüssig beantwortet worden. Doch bietet jede Gelegenheit, Sakralmusik Mozarts im entsprechenden Rahmen zu hören, Gelegenheit zur Befragung der akustischen Wahrheiten. Umso dringlicher, wenn ein Mann wie Nikolaus Harnoncourt in Stainz alljährlich klassische Mess- und Oratorienkompositionen präsentiert. Denn mit den auf ihn eingeschworenen Kräften (Schönbergchor, Concentus musicus und die Solisten Genia Kühmeier, Elisabeth von Magnus, Herbert Lippert und Florian Boesch) realisiert er Mozarts Musik auf eine Weise, die – ganz abgesehen von der Originalklang-Ästhetik – keinen Zweifel an der spirituellen Durchdringung der Partituren aufkommen lässt. Harnoncourt regiert über seine Musiker und Sänger mit der unangefochtenen Autorität des Altmeisters, dem man auf kleinsten Wink, Augenaufschlag und, schon gar, ausholende Geste gehorcht.

Ungewöhnlich häufig hat Harnoncourt bei diesem „styriarte“-Konzert gelächelt. Sonst ein berüchtigt strenger Mann, empfindet er manche von Mozarts Laudationes und Segenswünschen als licht und freundlich. So strahlt aus der Musik Zuversicht, Gewissheit, sie klingt frisch, ja wohlgemut in jener subtilen Verspieltheit, die Kommentatoren inspiriert haben mag, den Katholizismus des Komponisten in Frage zu stellen.

Leicht, nicht leichtgewichtig

Doch ist das Lichte, Leichte, man spürt es bei Harnoncourt durchwegs, niemals mit Leichtgewichtigkeit zu verwechseln; oder, sagen wir, bestensfalls dort, wo manche dynamische Nuancierung zum manierierten Aperçu zu werden droht. Zugegeben, der eine oder andere Schlussakkord, behutsam abgedrechselt eine Stufe leiser und mit weichem Ritardando zurückgenommen, scheint dem natürlichen Fluss des Vorangegangenen eine lange Nase zu drehen.

Von derlei diesmal raren Details abgesehen, erklangen Werke wie das Offertorium „Venite populi“ und die populäre „Krönungsmesse“ voll Elan und Schwung, mit eminenter Kraftentfaltung etwa im „Gloria“ und „Credo“ – und vor allem dort, wo Mozart dem Textgehalt eher mit feinen Veränderungen als mit drastischer Dramatik nachspürt, entsprechend sensibel ausgehört. Dass die Herren des exzellent singenden Schönberg-Chors die einzelnen Abschnitte der Vesper KV 321 mit den liturgischen Chorälen einbegleiteten, verschaffte auch den lieblichsten Koloraturen der Genia Kühmeier den entsprechend festlichen, hochgestimmten Rahmen.

Als aufschlussreiche Zeitreise in Sachen inniger Glaubensbekenntnisse darf ein solcher Abend jedenfalls gelten. Neuzeitlich-skeptische Fragen bringt er zumindest kurzfristig zum Verstummen.

Mozart in Stainz: Wiederholung 13.Juli, 20.30Uhr. Info: www.styriarte.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2008)

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