Umjubelte Premiere im Theater an der Wien: Dank Plácido Domingo und Patricia Petibon ist erstmals eine spanische Operette in Wien erfolgreich.
Was böte das für theatralischen Zündstoff! Bürgerkrieg, zwei Männer im Kampf um eine Frau, Wechsel der Fronten in der Liebe wie auf dem Schlachtfeld – und zuletzt siegt der unsympathische politische Wendehals, der noch dazu mit einer eleganten Nebenbuhlerin scharmuziert hat, über den sympathischen. Der ist zwar auch Wendehals – aber nur aus Liebe. Außerdem wird er von Plácido Domingo gesungen, und das geht doch wirklich nicht, dass der am Schluss die Frau, die er liebt, nicht kriegt. Schließlich spielen wir nicht „Don Carlos“. Statt Elisabeth heißt die Umschwärmte Luisa Fernanda. Im Moment des schmerzlichen Abschieds leistet sich Regisseur Emilio Sagi den einzigen Überraschungseffekt: Die Angebetete geht nicht mit dem jungen Galan ab, wie vorgesehen, sondern verharrt – und blickt sehnsüchtig zurück.
Na also.
Im Übrigen hat die Zarzuela als spanische Sonderform der Operette in dieser Produktion mehr mit Lehárs elegisch mattiertem späten Silberglanz zu tun als mit dem pointiert-kabarettistischen Gefunkel Offenbachscher Prägung.
Das wirkt. Den samtweichen Melodien und zündenden Rhythmen Federico Moreno Torrobas spürt das wohltimbrierte Radiosymphonieorchester dank der kundigen und sicheren Führung durch Josep Caballé Domenechs ebenso lustvoll nach wie der Klangsinnlichkeit der Partitur.
Dieserart aufs genussvolle Herz-Schmerz-Genre reduziert, hätte diese nebst „Marina“ und „Donna Francisquita“ populärste Zarzuela, im faschistischen Spanien kein Untergrunddasein fristen müssen. Da geht es tatsächlich ausschließlich um die Gunst der Titelheldin, der Maria José Montiel hoheitsvoll-distanziertes Profil und eine dunkel tönende, mehrheitlich sicher geführte Sopranstimme leiht.
Edeltimbre und Erinnerungen
Dass Domingo in seinem liebevoll-sympathischen Werben (inklusive heldenhafter Führung auf dem Felde der Ehre – er kämpft, versteht sich, für die Republikaner) zuletzt auch im privaten Kampf gegen den jungen Herausforderer Javier unterliegt, hat kaum mit dessen Stimmgewalt zu tun. Obwohl Israel Lozano sogar mit entfernten Anklängen an die Jugendtage Domingos aufwarten kann, eingeschlossen manche nicht ganz frei klingende Spitzentöne. Doch Domingo selbst verströmt sein – wenn auch auf eine verhältnismäßig schmale Skala reduziertes – Edeltimbre mit nach wie vor unglaublichem Schmelz.
Vor allem aber spielt er Theater. Das war von je seine Stärke: Präsenz, untrüglicher Sinn für Geste, Gebärde – und den entscheidenden Moment: In Sekundenschnelle verdichtet sich noch ganz zuletzt die Atmosphäre. Das macht dem Haudegen bis heute keiner nach. Im Theater an der Wien hat er mit Patricia Petibon, die als kokette Nebenbuhlerin der Luisa Fernanda auch Domingo mit einer Charme-Offensive umgarnt, eine ebenbürtige Gegenspielerin, die auch die Melodien mit Raffinement serviert.
So wird spürbar, was zwischen den Figuren sich an Spannungen aufbaut – und sich auch optisch zu explosivem Theater verdichten könnte. Überlegt man, welch antifaschistischen Schutzwall angesichts des zeitlichen Hintergrunds der Handlung fortschrittliche Szenekünstler auf die Bühne mauern hätten können, ist man für das harmlose Bühnenarrangement in Wahrheit auch schon wieder dankbar.
LUISA FERNANDA: Daten
■Federico Moreno Torroba komponierte die Zarzuela (Text: Federico Romero) 1932.
■ Die Aufführung, von Emilio Sagi in eigenen Bühnenbildern (Kostüme: Pepa Ojanguren) inszeniert, ist eine Koproduktion mit Madrid, Washington und Los Angeles.
■ Reprisen: 10., 14., 16. und 18. Juli; 20h
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2008)