Wie Gelsen, Gewitter und Großbaustellen haben im Sommer die Onkel und Tanten der Lifestyle-Branche Hochsaison.
Sie sagen uns, mit erhobenem Zeigefinger und diskantem „No! No! No!“, was man alles nicht tragen dürfe. Sie nerven. So sei mit aller Autorität, die sich eine auf der Wissenschaftsseite heimische Kolumne anzumaßen imstande ist, festgestellt:
1)Natürlich darf und soll man kurzärmelige Hemden tragen, es müssen ja keine Palmen drauf sein.
2)Nichts spricht gegen helle Socken in Kombination mit hellen Hosen und Schuhen. Und Tennissocken sind meistens weiß, was dagegen?
3)Nicht nur Frauen mit den Beinen eines leptosomen Knaben dürfen kurze Röcke tragen.
4)Für alabasterfarbene Haut muss man sich nicht schämen.
5)Es bestehen keine stichhaltigen Einwände dagegen, Sandalen mit Socken zu tragen.
Doch das sind alles nur Geplänkel. Wirklich obsessiv werden die Stilpolizisten (meist sind es ja Politessen), wenn es haarig wird. „Wir predigen immerimmerundimmerwieder: Ob Achseln, Beine oder Bikinizone – bitte keine Haare. Ausnahmslos!“, ordnet z.B. die für „Trends“ zuständige Dame bei der „Freizeit“-Beilage des „Kurier“ an. Man liest die schrille Stimme, man hört die Panik.
Tatsächlich ist die völlig veränderte Einstellung zur Körperbehaarung die einzige wirkliche kulturelle Erneuerung des letzten Vierteljahrhunderts. Noch vor zehn Jahren trug es jeder reife Herr mit Fassung, dass seine Haare, ohne Erlaubnis einzuholen, vom Kopf auf den Rücken übersiedelten; heute erwägen alte Knaben ernsthaft, sich den Buckel zu scheren.
Wenn man in den Siebzigerjahren von einer Dame hörte, dass sie sich im Schambereich rasiere, dann fand man das eher frivol als vorbildlich gepflegt; und es war noch normal, dass Frauen in den Achselhöhlen Haare tragen. Das ist längst zum Horror geworden. Schon in den Achtzigern wurden die Achselhaare der deutschen Sängerin Nena in England diskutiert. Heute ist in einer Folge der amerikanischen TV-Serie „Hannah Montana“ der Anblick eines Busches, der beim Heben der Arme sichtbar wird, die größte Peinlichkeit, die ein Girl seinem Date antut.
Die aufmüpfige US-Sängerin Peaches hatte 2003 als unartigen Höhepunkt ihrer Show im Programm, dass sie die spärlichen Haare in ihren Achseln vorwies. In den USA soll das Publikum reagiert haben wie auf den Anblick eines Medusenhaupts. In Wien war der Effekt nicht so groß, aber das war vor fünf Jahren, heute würden wohl manche Stilpolitessen demonstrativ den Saal verlassen oder in Ohnmacht fallen.
Woher kommt die Abscheu? Auf den ersten Blick ist die offensichtliche Verweigerung von Haarschnitten ein Verstoß gegen Disziplinierung – und der Körper ist das erste und letzte Objekt der Disziplinierung –, vielleicht sogar gegen Zivilisierung. Der jähe Blick auf verbotenes Haar wäre dann ein Mahnmal der Wildnis, mit allen ihren Verlockungen und Schrecken. Aber für diese Erklärung sind die Reaktionen zu emotional. Da muss mehr dahinter sein. Ich werde mir das im Urlaub überlegen, für den ich mir gleich eine feine Auswahl kurzer Hemden und heller Socken einpacke. Und keine Rasierer. Style police, here I come!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2008)