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Die Welt kann sich einen Iran-Krieg nicht leisten

Ein Angriff auf Irans Atomanlagen hätte katastrophale Folgen. Es helfen nur bedingungslose Verhandlungen.

Schwer zu sagen, was so ein Raketentest kostet. Aber die Iraner haben das Geld für die neun Missiles, die sie am Mittwoch verschossen haben, vermutlich sehr schnell wieder herinnen. Gleich nach dem Feuerwerk schnalzte der Preis für ein Fass Öl um satte zwei Dollar in die Höhe. Es ist diese zähflüssige Waffe, es ist der Treibstoff der Welt, mit dem sich die Islamische Republik momentan am wirksamsten vor Angriffen schützt. Sollten die Israelis und die Amerikaner tatsächlich auf die Idee kommen, die iranischen Atomanlagen zu bombardieren, schösse der Ölpreis von derzeit knapp 140 in Richtung 200 Dollar. Das kann sich eine Welt, die ohnehin unter Inflationsdruck steht, nicht leisten.

Die Gegenfrage ist natürlich, ob sich die Welt einen Iran mit Atombomben leisten kann. Davor jedoch muss man scharf nachdenken, ob die Nuklearisierung der Islamischen Republik nicht doch noch mit anderen als militärischen Mitteln gestoppt werden kann. Denn Luftangriffe auf den Iran könnten eine fatale Kettenreaktion auslösen. Das Mullah-Regime hat seine Vergeltungsabsichten bereits mehrmals anklingen lassen: Es wird nicht nur versuchen, die Hormuz-Straße zu sperren, durch die Tankschiffe 40 Prozent des weltweit gehandelten Öls transportieren. Die Iraner wollen auch zurückschießen: auf US-Ziele ebenso wie auf israelische. Ein Führer der Revolutionsgarden hat eben erst damit gedroht, Tel Aviv zu bombardieren. Die Shahab-3-Rakete, die der Iran nun getestet hat, kann die israelische Metropole erreichen. Danach wäre der Krieg nicht mehr einhegbar; er verschlänge die gesamte Region, mit blutigen Nebenfronten, die Irans radikale Verbündete im Libanon, Palästina und im Irak aufrissen. Die Amerikaner wären gezwungen, aufs Ganze zu gehen, und müssten im Iran einmarschieren.

Doch dafür fehlen die Kapazitäten, sowohl die militärischen als auch die politischen. Die US-Armee ist vollauf im Irak und in Afghanistan beschäftigt. Ein dritter Krieg überstiege ihre Möglichkeiten. Auch politisch wäre ein solcher Waffengang der US-Bevölkerung nicht vermittelbar. Nein, es ist trotz allen Kriegsgeheuls unwahrscheinlich, dass demnächst Generäle das Kommando im Atomstreit übernehmen. US-Verteidigungsminister ist mit Robert Gates jemand, der unmissverständlich sagte, dass „noch ein Krieg in Nahost das Letzte ist, was wir brauchen“. Und eine ähnliche Botschaft hatte laut israelischer „Haaretz“ neulich US-Generalstabschef Michael Mullen auch für Israel parat: Es gebe kein „grünes Licht“ der USA für israelische Angriffe auf Irans Nuklearanlagen.

Ohne US-Segen aber werden die Israelis kaum einen Alleingang wagen. Möglicherweise haben sie zuletzt die Kriegstrommeln deswegen so laut gerührt, weil sie ein neues Gefühl der Dringlichkeit vermitteln und den Sicherheitsrat zu schärferen Sanktionen bewegen wollen. Tatsächlich muss man ja nach fünf Jahren diplomatischer Leerläufe das Fazit ziehen, dass die bisherige Strategie im Umgang mit dem Iran genau gar nichts gebracht hat. Die Iraner reichern weiter fröhlich Uran an, als wäre nie eine UN-Resolution beschlossen worden. Und wer diese Technik beherrscht, kann nicht nur Atomkraftwerke betreiben, sondern hat auch den Schlüssel zur Bombe.

Oberschlaue Superrealisten meinen allen Ernstes, es wäre gar nichts dabei, wenn der Iran über Atombomben verfügte. Denn Nuklearwaffen hätten in der Geschichte stets stabilisierend im Sinne eines Gleichgewichts des Schreckens gewirkt, ganz so, als wäre der Globus am sichersten, wenn alle Staaten Atombomben hätten. Sie vergessen, dass die Welt 1962 in der Kuba-Krise nur haarscharf am Atomkrieg vorbeischlitterte und Pakistan 1999 trotz vermeintlicher Nuklear-Abschreckung einen Angriff auf den indischen Nachbarn wagte. Und sie vergessen, dass Irans Präsident Israel von der Landkarte wischen will.

Das Risiko einer iranischen Bombe ist untragbar. Die Frage ist, wie sie gestoppt werden kann. Die bisherigen Methoden waren nicht erfolgreich, militärische hätten fatale Folgen. Es ist Zeit, einen dritten Weg zu versuchen. Bisher hat die internationale Gemeinschaft Verhandlungen über ein spendables Kooperationspaket angeboten, wenn der Iran zuvor die Uran-Anreicherung einstellt. Diese Vorbedingung sollte fallen gelassen, ein wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Dialog sofort begonnen werden, und zwar mit direkter Beteiligung der USA. So bestünde, bei zunächst weiter aufrechten Sanktionen, eher eine Chance, dass die Iraner ihre Uran-Zentrifugen stoppen oder unter Aufsicht stellen. Eine Garantie dafür gibt es nicht. Eine Alternative auch nicht.

Iraner testen Raketen Seite 1


christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2008)