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USA: Airbus Favorit für Großauftrag

(c) AP (Stephan Brashear)
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Die Bestellung von Airbus-Tankflugzeugen im Wert von 35 Mrd. Dollar wurde zwar storniert. Trotzdem dürfte der europäische Konzern den Rivalen Boeing letztlich ausstechen.

Washington. Es war ein Fest für die US-Zeitungen. Wochenlang lieferten sich Boeing und der Airbus-Mutterkonzern EADS (European Aeronautic Defence and Space) in ganzseitigen Anzeigen eine PR-Schlacht. Einmal kritisierte Boeing die Entscheidung des Pentagons, Airbus den Auftrag zur Lieferung von 179 Tankflugzeugen zu geben; am nächsten Tag konterte EADS mit einer Entgegnung.

Dass das Lobbying Boeings jetzt zu einer Neuausschreibung des milliardenschweren Auftrags führte, überraschte in den USA wenig. Die ursprüngliche Entscheidung im Februar für den europäischen Hersteller hatte in Washington für einen Schock gesorgt: Kaum ein Politiker wollte akzeptieren, dass der höchstdotierte Militärauftrag seit Jahrzehnten an eine ausländische Firma geht.


Auftragsvolumen von 100 Mrd.

Die Erklärung von US-Verteidigungsminister Robert Gates in der Nacht auf Donnerstag, man werde den Ankauf neuer Tankflugzeuge im Wert von 35 Milliarden Dollar vorerst stoppen, war die logische Konsequenz und ein Zugeständnis an den wirtschaftlichen Patriotismus. In der Vergangenheit hatten sich bei Militärausschreibungen stets US-Konzerne gegen die europäische Konkurrenz durchgesetzt. Die Vergabe an EADS galt als sensationeller Durchbruch.

Die Bestellung umfasst in einer ersten Tranche 179 Tankflugzeuge, insgesamt geht es um 600 Flugzeuge im Wert von 100 Milliarden Dollar. Der Auftrag wird nach der Annullierung nicht gänzlich neu ausgeschrieben, sondern nur neu überprüft und bewertet. Die beiden Firmen bekommen die Möglichkeit, bis Oktober Klarstellungen zu den Angeboten einzureichen. Ende des Jahres soll die endgültige Entscheidung fallen.

Boeing hatte in einer Beschwerde an den US-Rechnungshof 100 Punkte kritisiert, die bei der Vergabe falsch beurteilt und gegen den Konzern ausgelegt worden seien. Die Prüfer fanden am Ende acht. Doch diese acht Punkte seien „derart signifikant, dass der Auftrag zum jetzigen Zeitpunkt nicht vergeben werden kann“, erklärte Gates. Bei der neuerlichen Bewertung werde man sich auf diese acht Punkte konzentrieren.

Der ranghöchste Waffeneinkäufer des Pentagons, John Young, wird sich persönlich um die Ausschreibung kümmern. Zudem begann der Kongress gestern, Donnerstag, mit Anhörungen von Militärexperten. In ersten Beurteilungen kamen sie zum Schluss, dass EADS weiterhin Favorit für die Lieferung der Tankflugzeuge ist.

Hauptgrund dafür sei, dass die modifizierten Airbus A330 mehr Kerosin, Soldaten und Gerät transportieren können als Boeings 767. Zwar hatte der Rechnungshof gerade dieses Plus als ungerechtfertigt bezeichnet (weil die zusätzlichen Kapazitäten nicht benötigt würden), doch Young machte nach einem Treffen mit Kongressabgeordneten klar, dass dies bei der Neubeurteilung eine Rolle spielen werde.

In Everett (Bundesstaat Washington), wo Boeing seine Militärflugzeuge baut, wird nun intensiv darüber diskutiert, statt der 767 die größere Boeing 777 zum Tankflugzeug umzubauen. Unklar ist aber, ob die Neubewertung des Auftrags diese Änderung erlaubt und ob die Zeit genügt, um ein Angebot für die 777 zu erstellen.

Möglicherweise fällt die Entscheidung in die Amtszeit des nächsten Präsidenten. Die Wahl des Republikaners John McCain könnte Airbus dabei helfen. McCain hatte sich als Kritiker Boeings hervorgetan, vor allem, nachdem eine erste Tankerentscheidung für den US-Konzern vor Jahren wegen einer Bestechungsaffäre annulliert worden war.


Flugzeuge vom Vietnam-Krieg

McCain und der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama begrüßten den Schritt des Pentagons und wünschten ein „faires Verfahren“. Eine Seite ergriffen beide nicht, geht es doch sowohl bei Boeing als auch bei EADS um amerikanische Arbeitsplätze: Boeing spricht von 10.000 Jobs, die in Gefahr seien. EADS wollte zum Bau der Tankflugzeuge eine Fabrik im armen Bundesstaat Alabama errichten.

Für die Air Force bedeutet die Entscheidung, dass man vorerst weiterhin täglich kleinere Wartungs-Wunder vollbringen muss. Viele der jetzigen Tankflugzeuge der KC-135-Flotte stammen aus den 50er-Jahren und betankten schon jene Bomber, die man im Vietnam-Krieg einsetzte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2008)