Beutestücke: Auf der Pirsch durchs Grätzel

(c) Die Presse (Julia Stix)
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Auf Shoppingjagd gehen, ohne einen Fuß in die großen Einkaufsreviere zu setzen. Geht das denn? Und will man das? Unbedingt. In manchen Grätzeln warten seltene Beutestücke und ein bezaubernder Wald- und Wiesenmix.

Waldesruhe, fast. Vergleichsweise still liegen die Nebengassen der Mariahilferstraße da. Erstaunlich, wie wenige Rudel sich dort hineinverirren. Als lauerte hinter diesem Trampelpfad das Unberechenbare auf das kauflustige Freiwild. Naja, irgendwie tut es das auch – in den paar interessanten Grätzeln abseits der etablierten Wiener Schoppingreviere.

Man biegt also ab, fürs Erste in die Neubaugasse im siebenten Bezirk und arbeitet sich in ein Revier vor, das neben der inneren Stadt wohl den größten Bestand an Fashion- und Design-Adressen hat. Nur eben andere und eben auch sehr österreichische. Die Geschäfte schrumpfen hier auf übersichtlichste Layouts, die Fassaden nehmen sich zurück, die großen Ketten und Marken verdünnisieren sich. Das überschaubare Areal hat ein bisschen was von einem Dorf. Und wirkt stellenweise dennoch – etwa beim puristischen Concept-Store „Park“ – urbaner als die City selbst.

Jagdkarte Für so eine Pirsch durch den siebenten Hieb gibt es mittlerweile einen kleinen, allerdings sehr modelastigen Lageplan: „27 creative Fashion-Shops“ haben sich locker auf einer Plattform (www.7tm.at) zusammengetan – vom „Combinat“ bis zum „Shu“. Nicht alles, was im Bezirk lockt, ist darauf vertreten, aber vieles und viel Ergiebiges. Und manches, das gerade erst entstanden ist, wird wohl noch dazukommen.

Gleich am Anfang der Neubaugasse könnte man noch etwas frische Farbe schnuppern. Das „Ebenberg“ ist schmal, aber es winken einem (bestickte) Basics von American Apparel entgegen. Den Rest füllt Laura Ebenberger mit Mini-Kollektionen österreichischer Provenienz auf. Hier geht es um faire Textilproduktion; das wirkt stimmig und irgendwie typisch für die Szenerie, die sich beim Shoppen im Siebenten bietet: ein Loha-Revier, Zyniker sagen gern „Bobostan“. Egal.
Das Angebot konzentriert sich, je weiter man sich hier heranpirscht, auf wenige, ausgesuchte Teile, in manchen Shops gibt es nur je ein Stück in einer Größe. So ist das auch bei „At First Sight“ in der Kirchengasse, hier folgen Vivien Sakura Brandl und Tina Haslinger ihrer Schwäche für innovative deutsche Labels. Um deren Hang zu „gedeckten Farben“ aufzuhellen, haben sie auch ein paar Österreicher dazugenommen. Sind Österreicher wirklich bunter? Vielleicht ...

Farbe könnte man etwa bei „Sixxa“ sehen, weiter unten in der Kirchengasse. Kathi Macheiner verbindet dort seit kurzem Sports- und Streetwear mit Grafikdesign. Das Erste, was hier ins Auge fällt, ist ein Dirndl. Nicht das Revier, in dem man solches vermuten würde. Viel eher noch das Publikum, das wegen origineller Figuren zu Sixxa kommt; Macheiner bedient hier eine Sammlerszene, die in Japan virulent ist, in Österreich aber erst im Werden.

Nähmaschinenrattern So klein kann ein Grätzel gar nicht sein, dass sich die Schwerpunkte darin nicht irgendwann verlagern. Vor ein paar Jahren war es noch die Westbahnstraße. Da ging ein Shop-Friseur-Konzept auf („Be a good Girl“); dass die Idee mit der gemischten Nutzung heute noch zieht, sieht man beim „Schon Schön“ oder beim „Glanz & Gloria“. Da sitzt ein Platten-Shop wie das „Substance“ die Tonträgerkrise aus, da rattert bei „Art Point“ die Nähmaschine der russischen Designerin Lena Kvadrat.

Wildwechsel Heute ist die Lindengasse das Ziel. Günstigere Mieten haben kreative Geister und Käufer angezogen. Mittlerweile ist das Wunder Lindengasse kein Geheimnis mehr, man findet‘s sogar als Tipp sich auch Städtereisende für die raffiniert-simplen Schnitte von „Wabisabi“, die zarten Wäschekreationen von Sandra Gilles oder die Accessoires von „Lila Pix“ und deren Showroom interessieren. Seit einigen Monaten kann man hier auch Ungarisches finden, im „Eclectick“ – in der Nachbarschaft von „Mord und Musik“, einem Spezialisten für, klarer Fall, Kriminalliteratur.

Gemischtwaren Irgendwann muss man dann doch den Trampelpfad Mariahilferstraße kreuzen um in den Sechsten zu gelangen. Anders als im Siebenten trifft man hier weniger auf eine Modekonzentration, als auf einen originellen Mix, wenn auch in einem sehr viel kleineren Rahmen. Der Hype um ein Stückerl Gumpendorferstraße ist zwar schon wieder etwas abgeflaut, aber das tut nichts zur Sache. Im „Phil“ trinkt man zwischen Bücherregalen und CD-Stapeln trotzdem gemütlich Kaffee und hängt bei Konzerten und Lesungen ab. Die Augen wandern gegenüber über coole Retro-Möbel und modernes Mobiliar aus Österreich, wie etwa im „Möbel“.

Sucht man ein außergewöhnliches Outfit, probiert man bei „Nachbarin“ Kreationen von französischen und österreichischen Designern. Fehlt noch etwas Naturkosmetik: In der Cosmothecary der Saint Charles-Dreifaltigkeit steht man nicht ratlos vorm Regal, hier ergibt sich schon einmal ein längeres Fachgespräch.
Im Hinterland der Gumpendorferstraße muss man gezielter suchen. Das Schild von „Mon Ami Hunde- und Katzen-Pflege“ bedeutet Fehlanzeige: Dahinter verbirgt sich eine Bar samt Atelier/Shop. Wenn man wiederum die Windmühlgasse bis zu ihrem Anfang hinaufschlendert, landet man beim „Radlager“, wo man gebrauchte, edle Rennräder erstehen, seltenen italienischen Kaffee kosten und kaufen kann – und einen Schneider-Termin vereinbaren. Denn Signore Pirozzi aus Napoli kommt nebst Tokio und London alle paar Wochen bei Markus Böhm und seinen Compagnons vorbei, nimmt Maß und schneidert angeblich die sensationellsten Anzüge, Hemden und Kostüme.

Standortwechel in das dritte aussichtsreiche Revier: Um in den vierten Bezirk vorzustoßen, muss nocheinmal eine Ameisenstraße – der Naschmarkt – gequert werden. Im vierten Bezirk konzentriert sich vieles auf
die Schleifmühlgasse beziehungsweise das Freihausviertel mit den zahlreichen Lokalen, die einen zwischendurch vom Shoppen abhalten. Hier kann man allerdings auch einen Blick auf traumhafte Möbel werfen – die Designklassiker im „Rauminhalt“ oder modernes Design im „Mood“.

Lichtungen Auch den Vierten prägt der charmante Mix mehr als die Monokultur: eine exklusive Vintage-Boutique, ein Champagner-Händler mit Raritäten, ein Sozialprojekt, das sehr originelle Recyclingstücke produziert, ein großartiger Blumenladen. Und auch der Vierte ist zwar an Adressen reich, aber versprengt: Es lohnt sich, Meter zu machen, durch die Kettenbrückengasse („Bananas“, „ready-made“) zu flanieren, etwas Margaretenstraße („Elfenkleid“) mitzunehmen und im Fünften sich in die Schönbrunnerstraße vorzuwagen.

Und was macht der Rest? Die anderen akut gehypten Grätzel? Das Karmeliterviertel, die Gegend um den Brunnenmarkt? Die Lokale sind schon da, potenzielle Kundschaft und die Kreativen auch. Fehlt nur noch eine geballte Ladung Shops ...

Revierplan
Liste mit „27 creative fashion shops in the 7th district“.www.7tm.at
At First Sight
Kircheng. 24/5,
www.atfirstsight.at
Sixxa
Kircheng. 40,
www.sixxa.at
shu!
Neubaug. 34,
www.shu.at
Park
Mondscheing. 20,
www.park.co.at
art point
Westbahnstr. 3
www.artpoint.ru
glanz & gloria
Schottenfeldg. 77,
www.glanzundgloria.at
schon schön
Lindeng. 53,
www.schon-schoen.at
be a good girl
Westbahnstr. 5a,
www.beagoodgirl.com
la petite boutique
Lindeng. 25,
www.sandragilles.com
Wabisabi
Lindeng. 20,
www.alle-tragen-wabi-sabi.at
Lila Pix
Lindeng. 5,
www.lilapix.net
Substance
Westbahnstr. 16 a,
www.substance-store.at
Mord & Musik
, Lindeng. 22,
www.mordundmusik.at
Ebenberg
Neubaugasse 4,
www.ebenberg.at
Combinat
MQ, Musuemsplatz 1,
www.combinat.at

Nachbarin
Gumpendorfer Str. 17,
www.nachbarin.co.at
Mon Ami
Theobaldg. 9/1a,
www.monami.at
Das Möbel – das Geschäft
Gumpendorfer Str. 11,
www.dasmoebel.at
Phil
Gumpendorfer Str. 10–12,
www.phil.info
St. Charles Alimentary
Gumpendorfer Str. 33,
www.saint.info
Radlager
Windmühlg. 2,
www.radlager.at

Perlageshops
Schleifmühlg. 1
Garbage
Schleifmühlg. 6
www.garbage.at
Rauminhalt
Schleifmühlg. 13,
www.rauminhalt.at
Mood
Schleifmühlgasse 13
www.moodwien.at
Bananas
Kettenbrückeng. 14 & 17


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