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Von Macht und Mieten

Die Konditorei Lehmann am Wiener Graben. Die gab es für mich schon immer. Für mich war das ein Ort, an dem ich ein Wienerisch-Sein beigebracht bekam. Am 15. Juli schließt sie für immer. So ist das Leben? Nein, so ist der Markt!

Am 15. Juli wird in Wien die Konditorei Lehmann am Graben schließen. Schließen müssen. Diese Schließung ist ein weiteres Ergebnis einer hausgemachten Globalisierung mit einer Mietrechtsreform, die sich ausschließlich an den Kriterien eines Markts orientiert, der das Konkurrenzprinzip zur Begründung von Monopolen nutzt. Ökonomen zucken zu solchen Fällen mit den Achseln. „So ist das Leben!“, heißt es dann. Die korrekte Aussage lautet natürlich: „So ist der Markt!“ Denn. Der Begriff „Leben“ kann für Markt als Bedeutung eingesetzt werden. Der umgekehrte Vorgang, das Leben als Markt bezeichnen zu wollen. Dieser Vorgang bedarf der Umwandlung in eine Metapher. Der Sprachgebrauch selber gibt so Auskunft darüber, wie die Wertigkeiten zu denken sind.

Die Sprechmacht, die sich eines Satzes bedienen kann, der da lautet: „So ist das Leben!“, die damit aber das eigene Funktionieren meinen darf. Eine solche Macht kann in dieser bedeutungsändernden Operation der Umwandlung eines Begriffs in eine Metapher dem eigenen Begehren Ausdruck verschaffen. Im Sprechen eines solchen Satzes bestätigt und erfrischt sich die Macht jeweils neu. Und. Die Beschreibung erfolgt heute ja nicht mehr in einer Verschleierung der Machtverhältnisse. Im Gegenteil. Der Vorgang der Bedeutungsänderung wird offengelegt und wäre jedem und jeder zur Interpretation zugänglich.

Der Verlust an Sinneinheiten bei der Benutzung des Lebens als Metapher für den Markt wird durchaus enthüllt. Um diese Enthüllung aber sehen zu können, müssten jeder und jede nur des Gebrauchs der Grammatik sicher sein. Das aber ist nicht der Fall. Eine Sprachbildung, die nicht die Erfassung der Wörtlichkeit zum Ziel hat, sondern einen Variationenreichtum strategischen Nichtwissens verfolgt. Erkenntnisverhinderung also. Eine solche Sprachbildung kann nur zu einem Sprechen und Denken führen, das sich erkenntnishindernd zwischen die denkende oder sprechenden Person und die zu erfassende Wirklichkeit drängt. – Die Konditorei Lehmann. Die gab es für mich schon immer. Das war ein Kleinbetrieb des Konditorenhandwerks, in dem ein ganz spezifischer Stil entwickelt war. Es wäre immer klar gewesen, welche Cremeschnitte vom Lehmann gewesen wäre und welche vom Heiner, vom Demel oder vom Sluka. Eine Erinnerung an den Ringstraßenstil beeinflusste den Stil der Dekoration. Für uns waren die Prager Rollen das Objekt der Begierde. Aus der „Stadt“ wurden Prager Rollen vom Lehmann mitgebracht. Die wieder konnten mit den Prager Rollen vom Zauner in Bad Ischl verglichen werden. Bis heute blieb es ein Akt der Aufmerksamkeit und Zuwendung, bei Besuchen Prager Rollen mitzubringen. Die Prager Rollen gehörten zu den Dingen, die sich nicht veränderten und an denen die eigene Zeit abgerechnet werden kann. Wann wie Prager Rollen übergeben wurden. Die Erinnerungen werden diskutiert und in einer Art Familienforschung in den Zeitabschnitten ihrer Geschichtlichkeit zugewiesen. Das war damals, da haben wir meinen Teddybären fast im Park vergessen. Und das dann damals. Da haben wir gerade begonnen, als Gruftis in der Innenstadt herumzulungern. Nein. Es ist zu peinlich. Und. Immer war die winzige Kontinuität der Prager Rollen aus der Konditorei Lehmann zur Hand, gegen den Fluss der Zeit gehalten zu werden. So ist Erinnerung. So kann das Leben sein.

Natürlich können wir uns weiterhin an die Konditorei Lehmann erinnern. Wir können allerdings diese Erinnerung nicht mehr verorten. Der verschwundene Ort bedarf einer anderen Anstrengung des Erinnerns. Wir werden das Verschwinden durcharbeiten müssen. Wir werden den Satz „So ist der Markt!“ untersuchen müssen. Mit dem Verlust eines solchen Orts wird eine Trauer einhergehen. Und wenn wir es nicht schaffen, diese Trauer sprachlich zu heben. Eine solche Trauer über Verluste dieser Art. Eine solche Trauer wandelt sich unversprachlicht in Aggression. Je nach Person wird diese Aggression in Depression gegen sich selbst oder in alle möglichen Vorwürfe nach außen gerichtet. Rassismus kann ein schönes Depot für solch ungerichtete Aggressionen sein. Hingabe an die Notwendigkeit kann affirmierend, die affirmierende Person vor den Ängsten schützen, die aus den aggressiven Impulsen aufsteigen.

Es wird also selbst für einen nicht wirklich weltbewegenden Vorgang, wie es der Verlust der Erzeugung von Prager Rollen sicherlich ist, notwendig werden, erkennen zu wollen, welche Bedeutung diesem Vorgang im Rahmen des eigenen Lebens zukommt. Ja. Gerade die offenkundige Unbedeutendheit eines solchen Vorgangs verlangt nach Deutung. Geht es doch um den Nachweis, dass das Leben nicht wie der Markt funktioniert. Es geht um die Erhaltung eines Persönlichen, das, wäre der Markt das Leben, keinen Platz mehr hätte und ausgetrieben werden müsste, um das marktgerechte Funktionieren nicht durch sentimentale persönliche Erinnerungen zu behindern. Es geht also um die Frage von Erkenntnis und wie diese in die – vom Markt verlangte – Selbstführung eingreift.

Wird Erkenntnis zugelassen, um der Person in der Selbstführung Entscheidung zu ermöglichen. Oder. Wird Erkenntnis durch hegemoniale Sprechmächte verhindert, um über die Selbstführung die Person einzugliedern. Und. Diese Eingliederung erfolgt ganz im Stil des Nationalstaats des Endes des 19. Jahrhunderts. Die Person wird sich selbst zur Ordnungsmacht und vollzieht den Arbeitszwang und Triebverzicht an sich selbst. Ohne Erkenntnisbegehren wird der Person das klaglos gelingen. Aber. Alle Fragen, die sich aus der Endlichkeit des Lebens ergeben, werden unbeantwortet oder fremdbeantwortet bleiben. Mit den Folgen der Abspaltung, die das 20. Jahrhundert beschreiben kann. Nun war es bisher ja schon nicht so weit mit dem Erkenntnisbegehren. Es geht ja in einem Bildungsweg weiterhin um die Überwindung der jeweils kulturell vermittelten Erkenntnisverhinderung. Das ist ein Vorgang, der, in die jeweilige Kultur eingelassen, den Blick auf sich selbst verhindert. Das Ziel dieser Verhinderung wiederum erschließt sich aus der Kultur selber. Ziele, die nicht aus dieser Kultur stammen, müssen sich immer dieser spezifisch verhindernden Sprechweisen bedienen, um ihr Ziel durchsetzen zu können.

Am 18. Juni. Ein Freund kommt aus Frankfurt nach Wien. Beim Abendessen erzählt er von seinem Sitznachbarn im Flugzeug. Auch einem Deutschen. Der sei nach Wien geflogen gekommen, um dem Herrn Gusenbauer gute Ratschläge zu geben, wie er seine Position verbessern oder festigen könnte. Es werden also die sagenhaften „spin doctors“ wirklich geholt. Dieser Mann würde nur erfolgreich sein können, wenn er unsere spezifisch wienerisch österreichische Erkenntnisverhinderungssprache so einsetzen kann, dass wir selbst das Argument richtig finden müssen. Wenn ich den Katalog der „Bild“-Zeitung darüber nehme, warum die Ösis Dösis wären, dann hätte ich gehofft, dass der Spindoktor aus dem Flug von Frankfurt nach Wien eine gediegen analysierte Person ist, die sich zum Beispiel nationaler Einschlüsse in der Verhinderung des Blicks auf sich selbst entledigen konnte und damit den Blick freibekommen hat, andere ohne Veranderung betrachten zu können. So benutzt bekommt sogar Erkenntnis eine profitsteigernde Funktion. Allerdings muss das Erkenntnisbegehren auf den zu untersuchenden Fall eingegrenzt bleiben. Und. Im nun vorliegenden Fall hat der Spindoktor sicherlich sein Honorar bekommen. So viel können wir annehmen. Der Spindoktor hat zumindest sein Profitbegehren stillen können. Die Qualität seiner Ratschläge können wir nur an den Folgen für den beratenen Kanzler Gusenbauer ablesen. Da war Erkenntnisbehinderung dann doch im schlechten Rat enthalten.

Aber. Alle Formen der Vermittlung von Mainstream müssen sich zu ihrem Erfolg dieser Verhinderung einordnen. Populismus ist die klarste Form dieses Verstellens des Zugangs zu einem Blick auf sich selbst. Sexualisierung, wie wir sie in unserer Kultur in so extremer und aggressiver Weise in der Werbung antreffen, übernimmt alle jene Sinneinheiten, die vormals in metaphysischen Versprechen von Religion und anderen Utopien formuliert wurden. Alles Begehren, sich im eigenen Leben begreifen zu können, wird in der durch Bildung gelernten Erkenntnisverhinderung ununterbrochen frustriert. Jedoch. Nie waren die Grenzen sogar unserer Kultur dicht genug, die Erinnerung an dieses Erkenntnisbegehren auszulöschen. In der Sexualisierung des öffentlichen Raums durch die Werbung wird dieser Erinnerung Rechnung getragen. Die Trauer, dass es nun nie dazu kommen wird, sich selbst das eigene Leben erzählen zu können und damit gelebt zu haben, weil eine Wahrheit in Erinnerung bleiben kann. Diese traurige Wahrheit gilt es zu übertünchen.

Wie gesagt. Wir können nur raten, wie der deutsche Spindoktor sich dieser spezifisch kulturellen Konstellation anthropologisch invarianter Sinneinheiten bedient hat. Die Frage war, wird der immer noch etwas zaghafte Populismus des Kanzlers ins Breitere vergrößert werden. Oder wird die Kontur der Männlichkeit der Person des Kanzlers verschärft werden und damit ansexualisiert ein Hinweis auf Führungsqualitäten gegeben. Wie wir gesehen haben, wurde der Populismus verstärkt und die Kontur des Kanzlers durch den Schatten des „Kronen-Zeitung“-Herausgebers verwischt. Die Ratschläge des Spindoktors haben dazu geführt, dass sich der Koalitionspartner endlich in der Lage sah, den Trennungswillen auszusprechen. Die Schwächung des einen hat zur Stärkung des anderen geführt. Wie immer im Österreichischen eine familiär emotionale Reaktion. Es wäre also besser gewesen, anstelle des Spindoktors einen Familientherapeuten einzufliegen.

Aber. Lassen Sie uns zurück zur Konditorei Lehmann gehen. Für mich war das ein Ort, an dem ich ein Wienerisch-Sein beigebracht bekam. Meine Schwiegermutter, die 1904 in Wien geboren worden war, unternahm eine sehr taktvolle Unterweisung der jungen Frau aus der Provinz, indem sie mit mir alle Orte ihrer Geschichte aufsuchte. Der Lehmann war für sie der Ort, an dem man ein kleines Mittagessen nahm. Das Huhn in der Muschel war die Kleinigkeit, die für einen Ausflug in die Innenstadt selbst genehmigt wurde. Das Huhn in der Muschel enthält ein Stückchen Fleisch von jedem Teil des gebratenen Huhns auf französischem Salat. Unter dem schmückenden Salatblättchen oben auf dem kleinen Hühnergebirge war ein Tupfen Mayonnaise versteckt, der als pikante Abrundung den Genuss noch weiter trieb.

Da saßen wir also. Meine Schwiegermutter und ich und aßen mit Vorspeisenbesteck das elegante kleine Mittagessen. Und dann wurde mir eine von diesen Geschichten erzählt, wie das war. Irgendwann im langen Leben dieser Frau. Ironisch vorsichtig und immer alle schonend wurde das erzählt. Vorwürfe wurden nur durch ein verächtliches Kräuseln des Munds geäußert und ein Zurücklehnen, an einem Ort, der halbwegs sich selbst noch glich. Der Ort machte die Übergabe dieser Geschichten leichter. Ja. Vielleicht überhaupt möglich. Meine Aufnahme in das Wissen über die vor mir. Vor uns. Sie fand auch da statt. Darin ist dieser Ort für mich nicht verlierbar.

Aber. Was dieses Beispiel zeigt. Wir müssen nicht migrieren, um derartige reale Verluste zu erfahren. Mit einem solchen Beispiel lässt sich beschreiben, wie die Vorgänge durchaus gleich sind und dass es die Versprachlichung ist, die die Zuweisungen unternimmt. Tragisch wird das jedesmal dann, wenn mit den Veränderungen der Verdacht auf Abstieg nicht niederzuringen ist, aber aus diesem Gefühl nicht ein Wissen um die Parallelität der Schicksale ersteht, sondern die Abgrenzung emotional notwendig wird.

Kulturell vermittelte Erkenntnisbehinderung ist der Grund für die doppelte Mühsal der Migration. Wenn die Widersprüche und Strategien der eigenen Kultur nicht bekannt sind. Wie soll die andere Kultur erfahren werden, die nun ihrerseits widersprüchlich und erkenntnisverhindernd auftritt. Das, was gemeinhin Integration genannt wird, meint ja letztlich doch nur die endgültige Auslieferung an die neue Kultur, ohne dass diese Kultur sich selbst beschreiben muss. Blindes Lernen von Sprachen wird da abverlangt. Das Sprechen wird vom Besprochenen getrennt. Muss getrennt werden. Emotion und Bezeichnetes fallen auseinander. Ein solcher Vorgang führt nicht einmal zu einer annehmbaren Hilfskraftzurichtung. Eine Untersuchung an polnischen Putzfrauen, die in österreichischen Haushalten tätig waren, würde eine entsetzliche Bilanz der Zerstörung dieser Personen zutage bringen. Sie mussten, wie das dann eben der Fall ist, ein magisches Denken auf ihre Situation anwenden. Mit allen Folgen davon.

Erkenntnisbegehren ist in der österreichischen Kultur nicht zugelassen. Antisemitismus und eine indolente Hegemonie einer ganz spezifisch geistfeindlichen Männerkonstruktion lassen ein solches Begehren gar nicht zur Erscheinung kommen. Bildung ist daher hierzulande Ausbildung. Wenn nun ein Bildungsbegriff zum Tragen kommen soll, der ein Erkenntnisbegehren heben wollte und darin die erforderliche Kompetenz zur Selbstführung herstellen, dann können wir davon ausgehen, dass Migranten/Migrantinnen und Österreicher/Österreicherinnen von sehr ähnlichen Voraussetzungen ausgehen können. Der Unterschied zu den Migranten/Migrantinnen, der sich durch das Österreichisch-Sein herstellt. Dieser Unterschied müsste im Vergleich und Durcharbeiten der anderen Kulturen mit der österreichischen erfolgen und darin die Voraussetzung für Entscheidungen schaffen, wie sich die Personen in der Selbstführung positionieren.

Voraussetzung für diese Auseinandersetzung wiederum wäre die Gründung eines Instituts, das sich der Untersuchung des eigenen Soseins widmet. A critical study of Austrianess müsste das sein. Eine Bündelung des intellektuellen Begehrens könnte das sein, diese Kultur zu deuten und in ihren Strukturen erklärbar zu machen. Am Ende ginge es doch nur darum, klar machen zu können, warum der Satz „So ist das Leben!“ den Angestellten der Konditorei Lehmann gesagt werden kann, ohne dass irgendjemand sich wundert, weil es ja nur der Markt ist, der hier funktioniert. Im Grund geht es um eine komplexe Studie des spezifisch österreichischen Einsatzes der Metapher als Medium der Macht und ihrer Internalisierung. Und dann eine Befreiung daraus. Vielleicht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2008)