Die einzig wichtige Volksabstimmung

Keine Kompromisse! Der Volkswille wird natürlich aus Instinkt den Richtigen finden.

Finden Sie nicht auch, werte Besucher der bizarrsten Sommertheater in diesem Land, dass Goethe als Dramatiker völlig überschätzt wird? Der Weimarer Großkoalitionär hatte nicht den Mut zur Tragödie. Ganz im Gegensatz zu Schiller, der selten Gefangene macht, scheut Goethe den Konflikt und kommt zu keinem Ende. Der Herr Doktor Faust strebt im zweiten Teil so unsäglich bemüht dahin, dass Gottvater ihn aus reiner Fadesse erlöst. Dem Mann kann wirklich nicht geholfen werden.

Beobachter des politischen Theaters haben es bereits bemerkt, wir befinden uns mitten im Wahlkampf, in der heißesten Phase. Am 20.September kann es nur einen Sieger geben. Dann wird nämlich der Elitensender „arte“ den größten Dramatiker aller Zeiten küren, den besten europäischen also. Andere Ausländer waren nicht zugelassen. Reines Abendland.

Aus einer Liste von 50 blieben zehn Männer(!) übrig, die werden nun ab 8.September in jeweils einer Dreiviertelstunde im deutsch-französischen Kultur-TV vorgestellt. Am Schluss gibt es ein Voting des Publikums, und man kann schon jetzt sagen: Das ist für lange Zeit die einzig wichtige Volksabstimmung, die man dem Kontinent zumuten darf.

Selbstverständlich ergreift die „Gegengift“-Fraktion bereits Partei und sagt es grad heraus: Wir sind gegen irgendwelche lahmen Koalitionen, der Volkswille wird natürlich aus Instinkt den Richtigen finden, den wir vorsorglich ausgesucht haben und über den Sommer hin zu Recht kampagnisieren werden. Davon aber später.

Wer also ist untragbar? Goethe schlechtmachen kann jeder. Goethe anschütten, indem man Schiller erhöht, damit Brecht gewinnt, wäre raffinierter. Aber das ist vorerst noch zu kompliziert. Wir machen Goethe erst einmal nieder, damit endgültig geklärt ist, dass kein Franzose gewinnt. Denn besser als Sartre oder Molière ist Goethe noch allemal. Die sind menschenfeindlicher als er, sozial kälter und auch viel beschränkter. Sartre und Molière fehlt so wie Brecht und Ibsen die Moral, um wirklich groß zu sein.

Bleiben also nur noch vier Herausforderer für Schiller, aber die machen es ihm wirklich schwer. Wahrscheinlich werden Sie gedacht haben, wann kommt endlich die Rede auf Shakespeare? Ganz ehrlich, wer kann Shakespeare wirklich schlagen? Schiller tatsächlich nicht, dazu ist er viel zu idealistisch, aber was ist mit Sophokles und Tschechow? Wenn das Ungeheuer aus Griechenland und der sanfteste aller Russen eine Koalition bilden, dann wird es eng für Willi. Dann geht sich keine Mehrheit aus. Dann wird verhandelt.

Dann werden wir vom „Gegengift“ für die atlantische Lösung werben. Nein zu Europa, ja zum Untergang! Per Akklamation machen wir den Iren Beckett zum Tragödien-Meister.

Im Endspiel gibt es kein Pardon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.