Eine Schrifttafel wird zum Stein des Anstoßes für die Bibelforschung. Das Verhältnis von Christen- und Judentum erscheint in einem völlig neuen Licht.
Im Anfang war das Wort, doch die Forscher haben es nicht erkannt. „In drei Tagen...“: So beginnt, gut leserlich, die achtzigste Zeile auf einem Kreidestein mit der „Offenbarung Gabriels“. Aber dann wird es mühsam. Die Tinte ist verblasst und verwischt, die sonst akkurate Schrift wird krakelig. Die ersten Übersetzer kapitulierten: Das Wort sei unlesbar. Doch Bibelforscher Israel Knohl will es nun entziffert haben. Es sei der Imperativ von „haye“, auf Deutsch: „leben“. Der Erzengel Gabriel gibt also jemandem den Auftrag, nach drei Tagen zu leben, also: zu einer Auferstehung.
Nichts Neues unter der biblischen Sonne? Die frohe Botschaft vom Messias, der nach drei Tagen von den Toten aufersteht, ist der Mittelpunkt der christlichen Lehre. Doch die Sache hat einen Haken: Alle Forscher, die den Stein untersucht haben, sind sich in zwei Dingen einig. Zum einen: Er ist keine Fälschung. Zum anderen: Er wurde noch vor Christi Geburt beschrieben.
Ist die Osterbotschaft also nur ein jüdischer Mythos, der von den Evangelisten neu aufgewärmt wurde? David Jeselsohn hätte sich nie träumen lassen, welche spirituelle Bedrängnis sein Reisesouvenir anrichten würde. Der Schweizer Sammler hatte die Schrifttafel vom Ostufer des Toten Meeres vor zehn Jahren einem jordanischen Antiquitätenhändler abgekauft.
Räuber Simon, der erste Messias
Jeselsohn wusste mit seinem sperrigen Mitbringsel nicht viel anzufangen und behielt es in seinem Haus in Zürich. Dort zeigte er es der jüdischen Bibelforscherin Ada Yardeni. Die erkannte seine Bedeutung, machte sich mit einem Kollegen an die Analyse – und ließ dabei unklare Passagen aus.
Knohls Lesart hält sie für plausibel. Doch bleibt zu klären: Wer ist jener erste Messias, der den Auftrag bekommt, nach drei Tagen zu leben? So fügt Knohl sein Puzzle zusammen: Der Erzengel fordert einen „Fürsten der Fürsten“ auf. Den kennt man aus dem Buch Daniel, wo er als Anführer des „Volkes der Heiligen“ von einem „König mit finsterer Miene“ besiegt wird – in einer Felsspalte, wie die nächste Zeile auf dem Stein verrät.
Die historische Frage lautet also: Lebte in der Nähe des Fundorts des Steines ein Rebell gegen die römische Herrschaft, der in einer Schlucht getötet wurde? Die Antwort ist: Ja. Schlag nach beim Historiker Josephus! Simon hieß er, besonders groß und stark war er und fühlte sich deshalb zum gesalbten König berufen. Zu Lebzeiten von König Herodes gehörte er zu dessen Leibsklaven. Nach dem Tod dieses Vasallen Roms im Jahre vier vor Christi (also vor dem Kindermord in Bethlehem, den man ihm andichtet) nutzte Simon das Machtvakuum, setzte sich eine Krone auf und startete von Peräa aus einen Aufstand gegen Kaiser Augustus.
Der jüdische Geschichtsschreiber in römischen Diensten beschreibt ihn als brutalen Räuberhauptmann. Seine Anhänger hingegen erkannten in ihm den Messias. Doch er geriet in einen Hinterhalt – in einer Schlucht, wo ihm ein Römer den Kopf abschlug. Seine Anhänger machten, so Knohls Vermutung, aus der Not eine Tugend. Sie waren es, die das Bild des Messias als triumphalen Befreier radikal verwandelten: in das des Schmerzensmannes, der das Heil mit seinem Blut erkauft. „Erzähle von ihrem Blut. Das ist der Triumphwagen, der sie in den Himmel führt“, befielt der Erzengel an anderer Stelle. Das Heil wird ins Jenseits verlegt: „In drei Tagen wirst du wissen, dass das Böse der Gerechtigkeit unterliegt.“
Vielen Kollegen Knohls halten diese Deutung für zu spekulativ. Auch das entzifferte „lebe“ ist umstritten. Grammatisch anders gedeutet, wird daraus ein unverfängliches „er erscheint“. Über all das wird nun die Scientific Community zu streiten haben. Auf das Symposion in Jerusalem, bei dem Knohl diese Woche seine Ergebnisse präsentiert hat, wird eine Flut von Aufsätzen folgen.
Drei-Tages-Frist medizinisch erklärbar
Sollte sich seine Deutung durchsetzen, steht für die Theologen freilich viel am Spiel. Seit jeher hatten sie die Neuheit der Osterbotschaft als Beweis für ihre Wahrheit genommen: Wer ließe sich schon so etwas einfallen? Doch selbst für die seltsame Frist gibt es eine Erklärung: Die antike Medizin ging davon aus, dass sich ein toter Körper erst nach drei Tagen zu zersetzen beginnt.
Aus einer anderen Perspektive hat Knohl den Bibelexegeten geholfen. Bisher nahmen sie an, die Jesus-Zitate, in denen er Tod und Auferstehung vorausahnt, hätten ihm die Evangelisten in den Mund gelegt. Nun scheint es plausibel, dass er mit dem Vokabular seines Schicksals vertraut sein konnte.
Zudem bleibt, als Trost, ein fundamentaler Unterschied zwischen erstem und zweitem Messias: Simon hätte niemals seinen Feinden „die Backe hingehalten“. Er war ein Anführer von Rebellen, Jesus predigte Gewaltlosigkeit. Und eine stärkere Verzahnung von christlicher und jüdischer Tradition eröffnet auch theologische Perspektiven: Das Wort ist Fleisch geworden – dieses Bild wird konkreter und historischer: Fleisch geworden als jüdischer Bürger, mitten in den politischen Wirren und religiösen Heilserwartungen der Zeitenwende. Vielleicht wird aus dem umstrittenen Stein des Anstoßes auf diese Weise noch ein Stein der Weisen.
AUF EINEN BLICK: DIE TAFEL
■Eine antike Schrifttafel mit der „Offenbarung des Gabriel“ spaltet die Bibelwissenschaft. Für den Historiker Israel Knohl ist an einer Textstelle von einer Auferstehung in drei Tagen die Rede. Die Inschrift stammt aber aus der Zeit vor Christi Geburt. Vielleicht bezieht sich der Text auf den Rebellenführer Simon, der im Kampf gegen die Römer starb und noch danach als Messias verehrt wurde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2008)