Kritik: Operette: Intrigen jenseits der Operettenkonvention

Volker Vogel inszeniert im Schlosstheater Schönbrunn eine bemerkenswerte neue „Fledermaus“.

Wo sonst hat man einen Pausenraum wie den Ehrenhof von Schloss Schönbrunn? Wo sonst erlebt man wienerische Musik in einem tatsächlich imperialen Ambiente? – So ähnlich könnte es in einem Werbeprospekt stehen. So erlebt es der Zuschauer allerdings tatsächlich, denn Intendant Martin Turba ist es gelungen, notabene unbedankt von der städtischen Kulturpolitik, Operette nicht als billiges historisierendes Touristenspektakel, sondern für die Sehgewohnheiten unserer Zeit tauglich vorzustellen. Selbst wo die geschickt drapierten Kulissen Dietrich von Grebmers die Gloriette auf den Horizont malen, begreift der Zuschauer das als ironisches Zitat. Verkitscht ist an Volker Vogels mit Hilfe von Susanne Kirnbauer choreografisch minuziös gedrechselter Inszenierung nichts.

Vielmehr entfaltet Vogel dank ausgeklügelter Dialogbearbeitung und szenischer Präzision die Intrige schlüssig ohne Rückgriff auf den historischen Darstellungsstil. Die Demontage eines eitlen Gecken findet vielmehr im Geschmack der Didi-Hallervorden- und Otto-Generation statt, mit einem exzellenten Protagonisten: Michael Heim wird dank virtuoser Gebärdensprache zum natürlichen Zentrum des Spiels. Er ist ein Darsteller, der sogar glaubhaft vermitteln kann, dass er tatsächlich als Allerletzter der Fopperei auf die Schliche kommt.

Alle anderen kreisen mit Witz und Spiellaune um diesen komödiantischen Anziehungspunkt. Selbst die Gefängnisszene ist bei Vogel nicht überdreht, jeglicher Klamauk hat dramaturgische Methode. Auch findet der exzellente neue Frosch, Robert Mohor, Gelegenheit zu guten, aktuellen Extempores.

Sorgsam abgestimmt wirkt auch die Musik, denn sie ist bei Herbert Mogg wahrlich in bewährten Händen. Vernünftige Tempi geben den Sängern die Chance, ihren Text auch verständlich zu artikulieren. So bleibt die Handlung niemals stehen – auch wenn manche Gesangsleistung aufhorchen lässt und im Falle der hellen, beweglichen Tenorstimme Santiago Bürgis (der Vorname verrät die argentinische Herkunft, der Familiename schweizerische Wurzeln) durchaus zu genussvollem Lauschen einlüde.

Nicht nur Johann Strauß im Schloss

Gewiss entspricht – bei alternierenden Besetzungen – nicht jede stimmliche Leistung höchsten Anforderungen, doch besticht der Gesamteindruck dieser liebevoll erarbeiteten Produktion. Alison Oakes ist eine Rosalinde, die jedenfalls in den dramatischen Momenten beeindruckende Kraft entwickelt, Melanie Schneider ein dralles, freches Stubenmädel von sympathischer Unbekümmertheit, Ursula Szameit, wie Susanne Kirnbauer über viele Jahre beeindruckende Staatsopernballerina, macht aus der Ida beinahe eine Hauptrolle, Lorena Espina singt das Orlofsky-Couplet mit der nötigen Nonchalance, Jeffrey Treganza übernimmt als Dr. Blind in dieser Produktion noch heikle Zusatzaufgaben und erledigt sie quirlig.

Das Ganze hat Schwung und macht Spaß. Bis 24.August beinah täglich. Am 3. und 10.August widmet man sich einer Rarität: Herbert Mogg hat Ziehrers „Drei Wünsche“ für eine konzertante Aufführung eingerichtet, bei der dann sogar Renate Holm mit von der Partie sein wird!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.