Das Losungswort heißt „trotzdem“

Einerseits stimmt es, dass hierzulande die Musikerausbildung ziemlich im Argen liegt.

In der sogenannten Musikstadt Wien vor allem, jedenfalls aber jenseits von Bundesländern wie Oberösterreich, wo ein geradezu vorbildliches Musikschulsystem dafür sorgt, dass etwa auch Orchester wie die Wiener Philharmoniker und die Symphoniker mit Nachwuchs versorgt werden, der irgendwie noch aus der österreichischen Spieltradition kommt.

Wir wollen jetzt gar nicht vom Ende der sogenannten Wiener Geigenschule reden. Was die Sänger betrifft, scheint die Lage nämlich noch problematischer zu sein als bei den Instrumentalisten. Ein Blick auf die alljährlichen Teilnehmerlisten des Belvedere-Wettbewerbs, den Hans Gabor, der legendäre Kammeropernchef vor mittlerweile 27 Jahren gegründet hat, lehrt, dass aus heimischen Gefilden kaum neue Talente kommen. Die Grazerin Nina Bernsteiner, eine allerdings exzellente, sehr temperamentvolle Darstellerin, die bei der Schlussgala im Stadttheater Baden mit Mozart und vor allem mit dem effektvoll servierten Csárdás aus der „Fledermaus“ aufhorchen ließ, sorgte heuer für die Ehrenrettung der Musiknation.

Im Übrigen konnten sich von mehr als 3000 Interessenten aus allen Kontinenten gerade einmal vier Österreicher für den Wettbewerb in Wien überhaupt qualifizieren. Der Rest ist wahrlich international – und gleich zwei Chinesen schafften den Einzug ins Finale. Guanyun Yu (Jahrgang 1982) aus Shandong gewann sogar den ersten Preis im Fach Oper und ließ mit einer gefühlvollen, weich phrasierten Mimi-Arie aus Puccinis „Bohème“ aufhorchen. Mehrere Angebote schlug die junge Dame mit der Samtstimme allerdings aus – sie reiste unmittelbar nach Ende des Bewerbs zurück nach China.

Für die übrigen Preisträger, Naomi O'Connell (Mezzo aus Irland), Noa Danon (Sopran aus Israel), Heidi Melton (dramatischer Sopran von gewaltiger Erscheinung aus den USA) oder den sympathischen litauischen Bass Igor Bakan (Jahrgang 1984) finden sich gewiss dank akustischer wie häufig auch optischer Qualitäten Engagements. Bakan hat auch den Publikumspreis ersungen und damit ein Engagement in der Kammeroper.

Besonders erfreulich heuer: die rege Beteiligung der jungen Sänger an den Ausscheidungen im Operettenfach. Das war nicht immer so, das lässt hoffen, dass die von den Veranstaltern so nachlässig behandelte Gattung doch ihren falschen Ruf der Minderwertigkeit wieder abstreift.

Dabei können Produktionen wie die diesjährige „Fledermaus“ im Schönbrunner Schlosstheater (siehe Kritik rechts) durchaus mithelfen. Auch dort sind übrigens Stimmen zu entdecken: Intendant Martin C.Turba hat Santiago Bürki einen höchst entwicklungsfähig klingenden jungen Tenor aus Argentinien nach Europa gebracht. Vor allem aber beweist man im historischen Schlosstheater, dass ein viel gespieltes und beinah ebenso oft geschundenes Stück wie diese Strauß-Operette auf eine recht moderne, sehr konzentrierte Weise in Szene gesetzt werden kann, dank einer Privatinitiative, die von den städtischen Kulturinstanzen nicht einmal ignoriert wird. Womit wir aber beinah schon wieder beim Ausgangsthema wären.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2008)

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