US-Wahlkampf: Obamas Vorsprung schmilzt dahin

(c) AP (Jae C. Hong)
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Sein Wankelmut in Grundsatz-Fragen bringt Barack Obama in Bedrängnis. Laut „Newsweek“-Umfrage lag er im Juni 15 Punkte vor McCain, jetzt sind es nur noch drei.

Washington/Wien. Dieser Absturz ist rekordverdächtig: Noch vor drei Wochen hätte das US-Magazin Newsweek das Rennen um die US-Präsidentschaft fast schon für vorzeitig entschieden erklärt. In einer dort präsentierten Umfrage lag der Demokrat Barack Obama komfortable 15 Punkte vor seinem republikanischen Kontrahenten John McCain: Mit 51 zu 36 Prozent. Statt eines harten Wahlkampfs schien sich ein weitgehend barrierefreier Triumphzug ins Weiße Haus abzuzeichnen.

Doch nach nur drei Wochen sieht die Welt ganz anders aus. Gleiches Magazin, gleiches Meinungsforschungs-Institut, nicht wiedererkennbare Ergebnisse: Nur mehr drei Punkte liegt Obama nun in Führung. 44 versus 41 Prozent, das ist nicht mehr als die statistische Schwankungsbreite. Mit anderen Worten: Die Senatoren aus Illinois und Arizona liegen de facto gleichauf. Warum verblasst Obamas Glanz so schnell?

Newsweek liefert die Antwort gleich mit: Den Amerikanern habe es nicht gefallen, dass sich der Hoffnungsträger für eine neue Art von Politik durch seine Schwenks in Grundsatzfragen als Politiker recht alten Stils erwiesen hat.

Kaum war seine parteiinterne Konkurrenten Hillary Clinton aus dem Rennen, rückte Obama in die politische Mitte. Irak-Abzug in 60 Tagen, wie versprochen? Nur in Absprache mit den Militärs. Großer Lauschangriff, Todesstrafe für Sexualstraftäter, staatliche Mittel für religiöse Organisationen? Alles kein Problem mehr. Waffenbesitz als unantastbares Bürgerrecht? Applaus für das Oberste Gericht.

Gerade den „Independents“, den Wechselwählern, fehlt das Verständnis für diesen Kurswechsel. Bei ihnen hat sich das Blatt komplett gewendet: Hier führt nun plötzlich McCain mit 41 zu 34 Prozent. Das leicht durchschaubare Kalkül Obamas hat die „Swinger“ enttäuscht, immer mehr werden zu potenziellen Nichtwählern.

Diese Ergebnisse sollten das demokratische Team zu Selbstkritik bewegen. Denn eines steht fest: Der Absturz ist hausgemacht. Weder hat es McCain geschafft, mit seinen angekündigten Initiativen zu Energiepolitik und Wirtschaftsbelebung die Themenführerschaft an sich zu reißen, noch schwebt Hillary Clintons Gespenst über Obamas Wahlkampftross. Nur 17 Prozent der früheren Clinton-Anhänger wollen McCain wählen. Immerhin, die eilig inszenierte Versöhnung der beiden demokratischen Streithähne scheint den gewünschten Erfolg zu haben.

Vor seiner Reise in den Irak wird Obama heute, Dienstag, eine Grundsatzrede zu strategischen Fragen halten und dabei auch seinen Irak-Kurswechsel erklären.

Zweifel an Sample

Doch nicht nur an Obamas Strategie, auch an der Newsweek-Umfrage werden Zweifel laut. Andere Umfragen wiesen schon Mitte Juni deutlich geringere Abstände zwischen den beiden Kandidaten aus. Seitdem wird darüber spekuliert, ob der 15-Prozent-Ausreißer bei Newsweek mit einem falschen Sample zu tun haben könnte. Das mit der Umfrage betraute Princeton-Institut gab sogar zu, dass sich ein Teil des Vorsprungs so erklären lässt.

Doch auch im Schnitt aller nationalen Umfragen zeigt sich eine klare Tendenz: Mit 5,5 Prozentpunkten im Juni und 3,8 im Juli hat Obama zumindest ein Drittel seines Vorsprungs eingebüßt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2008)

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