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Da müssen wir wohl durch...

Die Banken haben weltweit Milliarden versenkt. Nicht so tragisch. Die Zeche zahlen andere. Wir zum Beispiel.

Am vergangenen Montag musste die US-Regierung bereits das zweite Mal in nur vier Monaten ausrücken, um den Zusammenbruch ihres Finanzmarktes zu verhindern. Den beiden Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac wurden vom US-Finanzministerium 300 Milliarden Dollar vorgestreckt, um sie vor dem Bankrott zu bewahren. Zuvor legte die Hypothekenbank IndyMac die größte Pleite eines US-Instituts seit 20 Jahren hin, was wiederum zu Problemen bei „Fannie“ und „Freddie“ führte.

Nicht einmal 24 Stunden später schrillen bei der US-Sparkasse Washington Mutual die Alarmglocken: Analysten prognostizieren dem Institut einen Verlust von 26 Milliarden Dollar. Quasi zum Drüberstreuen meldet Spanien die drohende Insolvenz der führenden Immobiliengruppe des Landes.

Das klingt vergleichsweise unerfreulich. Ist es auch. Wir haben es hier nämlich mit einem verheerenden Versagen der internationalen Finanzwirtschaft und deren führender Manager zu tun. Über Jahre hinweg haben US-Banken ihren Kunden günstiges Geld geradezu nachgeworfen, ohne entsprechende Sicherheiten zu verlangen. Die US-Bürger nahmen die günstigen Kredite dankbar an und finanzierten sich damit das lang ersehnte Eigenheim.

Im Zuge der steigenden Nachfrage nach Immobilien schnellten auch die Häuserpreise in die Höhe. Eine Gelegenheit, die sich die Banken nicht entgehen ließen: Auf wertvoller gewordene Immobilien wurden neuerlich Kredite gewährt – womit sich die Amerikaner auch noch einen schicken Geländewagen in die Garage ihres fremdfinanzierten Häuschens stellen konnten.

Sehr zur Freude der Banken, die in dieser Zeit Milliarden verdienten. Das System funktionierte so prächtig, dass die großen Häuser an der Wall Street vielen US-Hypothekenbanken deren Außenstände abnahmen und zu Anleihepaketen bündelten. Diese wurden in immer kleinere Teile zerstückelt und weiterverkauft. Die ersten Adressen der europäischen Kreditwirtschaft gehörten ebenso zu den begeisterten Käufern wie ausländische Pensionsfonds, Firmen und Staaten.

Bis eben das einträgliche Spiel der Banken mit dem Platzen der völlig überzogenen Häuserpreise kollabierte. Die Werte der Immobilien schossen talwärts, die Kreditwirtschaft hockte plötzlich auf einem Berg uneinbringlich gewordener Kredite. So etwas kommt schon mal vor.

Weniger häufig anzutreffen ist schon der Umstand, dass dafür andere geradezustehen haben. Allerorts schreien die Banken nach der Hilfe der Steuerzahler. Mit Erfolg. Es gibt nämlich so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz: Banken, die eine entsprechende Größe erreicht haben, können Unsummen verspekulieren. Wenn die Sache schiefgehen sollte, werden sie ohnehin von der öffentlichen Hand aufgefangen, um nicht die gesamte Wirtschaft mit in den Abgrund zu reißen. „Too big to fail“, wie der Engländer so schön sagt.

Staaten schießen den Banken großzügigst Steuermittel zu, während Verbraucher für die Finanzkrise über die massiv gestiegene Inflation zu bluten haben. Die US-Notenbank „Fed“ sowie die Europäische Zentralbank haben nämlich Milliarden in die Geldmärkte gepumpt, um die Banken „flüssig“ zu halten. Dadurch wurde die Geldmenge ohne Gegenwert vermehrt – die logische Folge ist eine beschleunigte Entwertung des Geldes.

Just zur selben Zeit verteuern sich auch noch Erdöl- und Nahrungsmittel kräftig. Um die Inflation einigermaßen zu bremsen, bleibt den Zentralbanken nur ein Weg: Geld über steigende Zinssätze künstlich zu verteuern und somit aus dem Umlauf zu ziehen. Unternehmen wie Verbraucher werden angehalten, weniger zu investieren bzw. auszugeben. Und das zu einer Zeit, in der die Wirtschaft ohnehin schon in die Phase des Abschwungs eingetaucht ist. Wir steuern somit auf ungemütliche Zeiten mit einer hohen Teuerung und einem relativ schwachen Wachstum zu.


Nun, da müssen wir wohl durch. Die Regierungen werden mit steigenden Ausgaben und höheren Defiziten auf die Schwächephase reagieren, und die Bürger werden die Teuerung samt höheren Zinsen einfach auszusitzen haben. Weil es nämlich keine Alternative gibt.

Entscheidend wird allerdings die Zeit nach der überstandenen Finanzkrise sein: Dann wird es nämlich vor allem darum gehen, die Banken gegen alle Widerstände in ein engeres Korsett zu zwängen. Die Kreditwirtschaft hat nämlich eines hinlänglich bewiesen: Sie ist der ihr gewährten Freiheit keineswegs gewachsen.

Konjunktureller Wettersturz Seite 1

Großsparkasse droht Milliardenverlust Seite 17


franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2008)