Nationalbibliothek: Forderung nach neuem Speicher

(c) Die Presse (Teresa Zötl)
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Die Direktorin der Österreichischen Nationalbibliothek wünscht sich einen Bücherspeicher auf dem Heldenplatz. Johanna Rachinger über ehrgeizige Projekte.

Die Presse: Sie haben in sieben Jahren als Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek viele Akzente gesetzt. Wie sieht es mit dem Großprojekt Bücherspeicher aus?

Johanna Rachinger: Der Bücherspeicher ist in der Pipeline. Zwar haben wir von der Politik noch keine finanzielle Zusage, aber es gibt eine Machbarkeitsstudie, die mit dem Kultur-, Wirtschafts- und Finanzministerium abgesprochen ist. Die Unterstützung ist da, frustrierend ist, dass durch die Neuwahlen die Entscheidung wieder hinausgezögert wird. Mit dem neuen Speicher können wir unser Lagerproblem für die nächsten 70 Jahre lösen. Als Ort kommt nur der Heldenplatz in Frage, weil wir eine unmittelbare Anbindung an unsere Lesesäle brauchen. Darüber hinaus ist der Heldenplatz ein guter Ort für Bücher. Das ist ja nicht irgendein Platz. Dort stand der Mann, der die Bücher verbrennen ließ. Der Heldenplatz ist auch ein Platz der Schande. Es würde ihm gut anstehen, das Gedächtnis der Republik zu verwahren. Man kann noch weiter denken und eine Künstlerin oder einen Künstler beauftragen, ein Werk für den Platz zu schaffen, das die Verbindung zum unterirdisch gelagerten Gedächtnis herstellt. Darüber hinaus wollen wir in der ersten Ebene des Speichers ein nationales Digitalisierungszentrum einrichten.

Die Digitalisierung des nationalen Erbes steht sogar im Regierungsübereinkommen.

Rachinger: Das kam auf unsere Initiative hin zustande. Dazu brauchen wir zusätzliche Mittel und vor allem eine nationale Digitalisierungsstrategie.

Medienriesen wie Microsoft oder Google zeigen auch großes Interesse für Bücher, sie digitalisieren ganz große Bibliotheken. Wie verhält man sich als ÖNB dazu?

Rachinger: Wir sind sehr offen. Ich war auch in den USA und habe mit Bibliotheken, die mit Google arbeiten, gesprochen. Aber im Moment hat Google Verhandlungen mit Bibliotheken unterbrochen. Auch Microsoft ist aus einem Dreijahresvertrag mit der British Library frühzeitig ausgestiegen. Möglicherweise sind die Erwartungen bei den Zugriffen nicht erfüllt worden, aber das ist eine Vermutung. Unser Engagement gilt vor allem dem Aufbau einer European Digital Library – ein groß angelegtes Projekt das auch von der EU unterstützt wird. Um es ins Laufen zu bringen, brauchen wir eine kritische Masse an digitalen Inhalten, das kostet Geld.

Wie viel?

Rachinger: Für 500.000 Bücher – das wäre unser Altbestand bis 1850 – benötigen wir 15 Millionen Euro.

So viele Texte einzuscannen muss doch wohl ewig dauern.

Rachinger: Das geht mit den heutigen Möglichkeiten sehr rasch. Es gibt großartige Buch-Scan-Roboter, die im Schnitt 1000 Seiten pro Stunde schaffen. In den letzten Monaten haben wir zirka eine Million Seiten der „Neuen Freien Presse“ digitalisiert. Damit haben wir bereits fünf Millionen Seiten in unserem digitalen Zeitungslesesaal, der täglich von weit über 1000 Lesern genutzt wird. Am meisten nachgefragt ist übrigens die „Neue Freie Presse“. An der kommt niemand vorbei, der über Altösterreich recherchiert.

Neben Bibliothekaren werden verstärkt EDV-Spezialisten gebraucht, Mathematiker. Wie vertragen sich diese beiden Berufsgruppen?

Rachinger: Es ist doch immer so, dass das Bestehende das Neue bereichert und umgekehrt. Es hat sich aber im letzten Jahrzehnt kein Berufsbild so stark verändert wie das der Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Ohne die neuen Technologien ist dieser Beruf nicht mehr denkbar.

Haben Sie noch weitere Ausbaupläne?

Rachinger: Zurzeit bauen wir gerade ein neues Depot für unsere Kartensammlung im Dachboden der alten Burg, und für 2009 planen wir den Ausbau eines neuen Lesesaals am Heldenplatz. Unsere Leserzahlen sind stark steigend, und wir brauchen dringend Platz. Ein weiteres spannendes Projekt ist die Einrichtung eines Literaturmuseums im ehemaligen Hofkammerarchiv in der Johannesgasse. Dieses Haus steht leer und ist zur Gänze denkmalgeschützt. Ich hoffe sehr, dass wir mit den baulichen Maßnahmen schon 2009 starten können und dieses für Österreich so wichtige Projekt durch die Neuwahlen nicht verzögert wird.

Wie ist Ihre Einkaufspolitik bei den Büchern?

Rachinger: Es gibt eine Pflichtabgabe für alle in Österreich erscheinenden Bücher. Durch eine Novelle zum Mediengesetz wird sich das ab 2009 auch auf Online-Texte beziehen. Da aber die meisten für unser Haus relevanten Werke in ausländischen Verlagen erscheinen, brauchen wir ein hohes Buchankaufsbudget. Ich habe es vor mehr als sieben Jahren auf knapp eine Million Euro verdoppelt. Das ist eine Sache der Prioritätensetzung. Wir kaufen vor allem an, was im Ausland über Österreich erscheint bzw. was österreichische Autorinnen und Autoren im Ausland publizieren. In den Sammlungen achten wir auf Bestandsergänzungen. Wenn ein Wittgenstein-Manuskript auf den Markt kommt, bieten wir mit, weil wir Werke von Wittgenstein bereits haben. Schwerpunkt ist auch die österreichische Literatur ab 1945. So haben wir den Vorlass von Peter Handke erst kürzlich erworben.

Wie läuft so ein Kauf ab? Handelt man da?

Rachinger: Im Fall Handke hat das Wendelin Schmidt-Dengler eingefädelt. Es gab zwei Gutachten, wir haben nicht gefeilscht. 500.000 Euro waren in Ordnung und durch die Gutachten untermauert.

Schwerer ist wahrscheinlich das Budgetverhandeln mit dem Bund, vor allem für Direktoren, die gut mit dem Geld umgehen.

Rachinger: Es darf nicht sein, dass die, die gut wirtschaften, bestraft werden, indem sie bei Erhöhungen der Basisabgeltung nicht berücksichtigt werden. Das wäre extrem demotivierend. Ein umsichtiges Wirtschaften setzt auch voraus, dass man sich Reserven schafft. Trotzdem braucht die ÖNB eine dringende Erhöhung der Basisabgeltung, um die neuen Aufgaben im Bereich der Digitalisierung und Langzeitarchivierung meistern zu können.

Mit der Ministerin wurde in mehreren Runden über Museumskonzepte diskutiert. Was ist Ihr Eindruck von den Gesprächen?

Rachinger: Es ist immer gut zu diskutieren und den Status quo zu hinterfragen. Allerdings hat sich mein Standpunkt – auch durch die Diskussion mit den eingeladenen ausländischen Kolleginnen und Kollegen – verfestigt. Wir haben ein beispielgebendes Gesetz, das den Häusern größtmögliche Autonomie gewährt, und diese Autonomie darf nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Auf einen Blick

Die Österreichische Nationalbibliothekist eine zentrale wissenschaftliche Institution des Landes. Sie entwickelte sich aus der kaiserlichen Büchersammlung des Mittelalters. Hauptaufgabe der großteils in der Hofburg untergebrachten ÖNB ist heute die Sammlung und Archivierung aller in Österreich erscheinenden Publikationen. 2002 wurde die Bundesinstitution in die Vollrechtsfähigkeit entlassen – volle Verfügungsgewalt in Budget- und Personalfragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2008)

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