Hat Deborah Voigt gegen die Netrebko eine Chance? Wohlbeleibte Stars, Bühnenwahrheit, Kameratauglichkeit. Ein Feuilleton zur Fernseh-Matinee (20. Juli, 9:35 Uhr, ORF2) von Wilhelm Sinkovicz.
Das Thema ist heikel - heutzutage überhaupt, denn gerade der ORF, der die Geschichte mit einer Sendung zum Matinee-Termin am Sonntag, aufrührt, beantwortet die selbst gestellte Frage auf seine Weise: „Müssen Sänger dick sein" lautet die rhetorische Problemstellung. Die Antwort: Sie dürfen gar nicht dick sein, denn sonst kommt keine Fernsehkamera in die Nähe der Bühne.
Fernsehen, nur wenn die Netrebko singt
Mehrheitlich findet im TV Oper nur dann statt, wenn schöne, schlanke Model-Typen die Hauptrollen verkörpern. Zyniker könnten behaupten: Lediglich wenn Anna Netrebko auf dem Programmzettel steht, ist man überhaupt bereit, Oper als fernsehtauglich einzustufen. Daß heuer „Romeo und Julia" von den Salzburger Festspielen übertragen wird, hat schließlich auch etwas mit der Netrebko zu tun. Wäre die ursprünglich nicht als Julia avisiert gewesen, hätte auf dem Küniglberg kein Hahn nach der Produktion gekräht.
Wie auch immer. Zuletzt machte man für den Tenor Johan Botha eine Ausnahme. Als der in der Rolle des Apollo auf der Staatsopernbühne erschien, waren trotzdem die ORF-Kameras dabei. Denn die „Daphne" von Richard Strauss ist ohne den wohlbeleibten Mann aus Südafrika heute schlicht unaufführbar. Die Tenorpartie ist für gewöhnliche Sterbliche schlicht unsingbar. Botha bewältigt sie scheinbar mühelos. Das macht ihn unersetzlich. Zumindest für Opern-Intendanten, die auf höchste tenorale Qualität auch in heikelsten Rollen Wert legen.
Botha oder nicht Botha in Wien?
Dass zuletzt verlautete, der designierte Wiener Staatsopernchef Dominique Meyer würde Botha nicht mehr engagieren, weil er nicht ins ästhetische Konzept passe, ist gleich ein Beitrag zur Diskussion. Manche Künstler sind zwar dicker als der Schauspieler-Durchschnitt. Viel dicker sogar. Aber sie singen halt irgendwie so besonders, daß das Publikum sie hören will - ganz gleich, welches optische Konzept der Regisseur gerade ausgeführt sehen möchte.
In manchen Fällen macht man einfach Ausnahmen. Gerard Mortier, kein Mann der reinen akustischen Lehre, der einen Luciano Pavarotti auf der Opernbühne rundweg ablehnte, hat eine Sängerin von beiderlei Format wie Jessye Norman widerspruchslos engagiert - und einen Seh-Ästheten namens Roberts Wilson geben, um die mächtige Erscheinung mit der umwerfenden Vokal-Ausstrahlung eine Musiktheater-Produktion zu drapieren.
"Ausg'fressen, Herr Kammersänger!"
In Wien war man erfinderisch, als es um das Engagement der Primadonna ging. Die Norman sang an der Staatsoper lediglich zwei Aufführungen von Strauss' „Ariadne auf Naxos" - und man ersparte ihr, die fragile Holzwendeltreppe im „Vorspiel" herunterzusteigen. Ariadne betrat die Szene ebenerdig.
Früher einmal war man im Hinblick auf die Wohlbeleibtheit von Vokalartisten viel weniger kritisch. Eine legendäre Anekdote zeigt uns den bedeutenden Tenor Leo Slezak in seiner Garderobe. Er schminkt sich mühevoll in Richtung Abgezehrtheit, denn es gilt, den jahrelang bei Wasser und Brot gefangenen Don Florestan in Beethovens „Fidelio" zu mimen. Als Slezak mit der Prozedur zu Ende ist, fragt er sein Faktotum, wie er aussehe. Die Antwort spricht Bände: „Ausg'fressen, Herr Kammersänger". Ein Zweifel, daß das Publikum Slezak damals trotzdem als Idealbesetzung feierte. Stimme war beinah alles. Auch noch, als die in jeder - auch in der einschlägigen - Hinsicht berüchtigten Konetzni-Schwestern die Wiener Opern-Szene während der goldenen Ära im Theater an der Wien bereicherten. Hilde war eine allseits gepriesene Figaro-Gräfin und Marschallin im „Rosenkavalier", sang aber die verführerische Kurtisane Giulietta in Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen" beinah am öftesten.
Was ist eine "Kredenz auf Radeln"?
Und Anny, die einzigartige Elektra und Fidelio-Leonore war häufig als Liebesgöttin Venus im „Tannhäuser" zu erleben. Von diesen Hoch-Zeiten der reinen Gesangs-Adorierung bis zur despektierlichen Bewertung der Darstellungskünste einer Sängerin wie Getrude Grob-Prandls als „Kredenz auf Radeln" durch den jungen Kritiker Karl Löbl (die Causa führte bis zum Gerichts-Prozeß) war es auf der Opernzeitachse nicht so weit wie man denken möchte.
Schon Herbert von Karajan achtet in seiner Zeit als Opernchef vor allem bei eigenen Inszenierungen möglichst auf die edle Erscheinung der Sänger. Spötter behaupten sogar, er hätte seine Wagner-Produktionen deshalb so schummrig verdunkelt, weil er beim Bayreuther Meister um rundlicher gebaute Stimmband-Artisten nicht herumgekommen wäre.
Neuerdings geht man weniger zimperlich mit den Sängern um. Wenn der Ästhetik-Quotient, der zwischen Leibesumfang den Stimmumfang vermittelt, den kritischen Wert überschreitet, wirft man schon einmal einen Künstler hinaus. So geschehen in London, wo man eine Deborah Voigt aus dem Vertrag entließ, weil sie als „Ariadne" im schwarzen Cocktailleid nicht so niedlich aussah wie die Figurine, die der Kostümbildner gezeichnet hatte. Hofmannsthals Zeile „Du wirst mich befreien", die Ariadne so hymnisch anstimmt, bekam so doppelten und dreifachen Boden.
50 Kilo weniger, und keiner merkt's . . .
Deborah Voigt hat mittlerweile um 50 Kilo weniger - doch kommentieren Hellhörige, daß der „üppige, cremige Sopran" (nach Christian Thielemann) Fülle und Glanz eingebüßt hätte. Nicht immer funktionieren Abmagerungskuren so mühelos wie einst bei Maria Callas, die als dickes Pummelchen begann, aber auch reduziert auf Mannequin-Figur ein Star blieb - oder vielmehr dann erst zu jener lebenden Legende wurde, die sie war, weil sie optisch wie stimmlich Ideal-Maße fürs Belcanto-Repertoire oder auch für Puccinis Tosca auf die Bühne brachte.
Manche Sänger und Sängerinnen lassen sich auf Gewichts-Diskussionen gar nicht erst ein. Ein amerikanisches Opernschwergewicht entgegnete einem kritischen Intendanten, der zum Abspecken riet, vor einigen Jahren unmißverständlich: „Herr Direktor, wenn ich 50 Kilo abnehmen müßte, würde ich wie ein Hund leiden - und sie würden es hinterher nicht einmal bemerken." Die Dame singt noch. In Wien ist sie allerdings seit langem nicht mehr aufgetreten . . .
TV-Tipp: „Bella Figura _ müssen Sänger dick sein?" ORF 2, "Matinee", 20. Juli 2008 um 9.35 Uhr