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Polen, Kroaten und Rumänen verlassen den Wiener Gürtel

Wo wohnen Türken, Osteuropäer und Ex-Jugoslawen in Wien? Und warum? Eine Spurensuche.

WIEN. Die Bundeshauptstadt hält den Rekord. Mit 31,4 Prozent, wie die Statistik Austria festhält, besitzt fast jeder dritte Wiener einen Migrationshintergrund. Und die Stadtregierung kämpft mit einem Problem. Denn die Zuwanderer verteilen sich nicht harmonisch über die Stadt. Die soziale Durchmischung in einigen Gebieten ist problematisch, Migrationsforscher orten bereits eine Tendenz zur Ghettobildung. „Die Zuwanderer siedeln sich westlich des Westgürtels an“, erklärt Migrationsforscher Heinz Fassmann (Uni Wien): „Das ist die Strecke entlang des 15. und 16. Bezirks. Dazu kommen Teile des 10. Bezirks.“

Die Wiener Hauptverkehrsader, die Lärm, Rotlichtlokale, wenig Lebensqualität, dafür aber billige Mieten in abgewohnten Häusern bietet, ist seit Jahren das attraktivste Gebiet für Zuwanderer. Trotzdem droht eine Verschärfung der Ghettoisierungstendenzen: Zuwanderer aus dem Osten verlassen den Gürtel, sobald sie genug Geld verdienen. Menschen aus Ex-Jugoslawien auch. Nur türkische Zuwanderer bleiben. Fassmann: „Der sozioökonomische Aufstieg gelingt Migranten aus Mittel- und Osteuropa und Ex-Jugoslawien deutlich besser.“ Der Grund? „Sie sind sehr gut gebildet, geben diese Neigung auch ihren Kindern weiter.“ Türkische Zuwanderer dagegen hätten oft nur Volksschulbildung, was ebenfalls an die Kinder weitergegeben werde. Fassmann: „Die zweite Generation dieser Einwanderer schafft es aber nicht, das zu überwinden.“

Die Stadt Wien versucht seit einiger Zeit auf mehreren Schienen, das Problem zu lösen. Vorsichtig wurden die Gemeindebauten in ganz Wien für Ausländer geöffnet. Aus Angst vor der FPÖ lief dieses Programm unter dem Titel „Notfallwohnungen“ für Mieter, die Opfer von Wohnungsspekulanten wurden. Eine EU-Verordnung zwang die Stadt im Jänner 2006 dann, den Gemeindebau offiziell und vollständig zu öffnen.

Nur: Neue Gemeindebauten werden nicht mehr gebaut, Mieter ziehen selten aus. Etwa 1000 Mietverträge wurden von Wiener Wohnen bisher mit Migranten abgeschlossen – bei 220.000 Gemeindewohnungen. In geförderte Wohnungen können Migranten nur schwer ausweichen. Oft müssen Beiträge von einigen zehntausend Euro bezahlt werden. Der damalige Wohnbaustadtrat Werner Faymann hatte dazu offen erklärt: „Wir bekennen uns zur Förderung des Mittelstandes.“

Jetzt wird versucht, den Westgürtel zu sanieren und Dachböden auszubauen. Das Programm: exklusive Dachgeschoß-Wohnungen für junge Wiener ohne viel Geld; im Auftrag der sozialen Durchmischung.

APA, Statistik Austria

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)