Ovid konnte den Mund nicht aufmachen, ohne zu dichten. Er wurde verbannt.
Der hochbegabte Dichter Robert Menasse hat mich am Freitagmorgen durch einen Auftritt im Kultsender Ö1 aus dem Schlaf gerissen. Das Schreiben, sagte er sinngemäß, sei eine Qual. Warum tut er es dann?, dachte ich. Autoren, die schnell und viel schreiben, sind ihm offenbar suspekt. Die sollten lieber Tagebücher verfassen, riet er. Oder Texte für uns, ergänzte ich. Ihn hingegen reize an der Schriftstellerei vor allem das Tagträumen, habe doch schon H.C. Artmann gesagt, ein echter Dichter könne man sein, ohne etwas zu Papier zu bringen. Richtig!, brüllte ich in meinen Radiowecker. Es kommt nur auf die Attitüde an.
Wenn aber ein Menasse etwas aufschreibt, dann mit Entschlossenheit. Sobald er den ersten Satz eines Romans formuliert habe, wisse er auch bereits den Schluss, verriet er uns Hörern. Das war mir tatsächlich neu. Dann bin ich wieder eingenickt.
Trotzdem ist dieses frühmorgendliche Bekenntnis des Dichters eine sehr romantische Reflexion über sinnliches Scheinen. Das Genie muss leiden. Generationen von Musikliebhabern schätzten Beethoven am höchsten ein, weil sich der Titan mit wirrem Haar und tiefen Furchen auf der Denkerstirn anscheinend weit stärker anstrengen musste als der leichtlebige Vielkomponierer Mozart oder der emsige Kantor Bach. Und taub war Ludwig dann auch noch.
Die Kunst des nervösen Charakters hat ihren Reiz. Schon im klassischen Rom galt der Zauderer Vergil mehr als der quicke Ovid. Vergil zierte sich bei der Schöpfung des nationalen Epos, starb sogar darüber und verfügte, dass die sorgfältig unvollendete „Aeneis“ verbrannt werden sollte. Das ganze Reich beweinte seinen Tod, und selbst die Barbaren lasen dann über das schreckliche Schicksal der Dido.
Der schmale Vergil ist bis heute der Lieblingsdichter italienischer Senatoren. Ovid hingegen konnte den Mund nicht aufmachen, ohne intelligente Verse hervorzubringen. Er wurde prompt verbannt. Nur noch Dramaturgen, Pornosophen oder irregeleitete Feuilletonisten lesen ihn.
Vielleicht sollte man die Erkenntnis, dass wertvolle Dichtung rar sein muss, mit ökonomischen Methoden messen. Schon Karl Marx kannte das Paradox: Wenn sich der Wert einer Ware allein durch Arbeitszeit definiert, erhöht er sich, wenn der Arbeiter trödelt. (Das gilt nicht für profane Ware in Journalen. Dort hat sich ein Instrument durchgesetzt, das man „Deadline“ nennt. Was um 17Uhr nicht fertig ist, fliegt raus.)
Beim Dichten hingegen darf man tändeln. Deshalb belästige ich Sie, liebe Leser, jetzt mit einem mir äußerst wertvollen Gedicht. Einer Ode. Ich weiß noch nicht, wie sie anfängt, ich weiß noch nicht, wie sie aufhört, dennoch träume ich davon seit 33 Jahren mit Ungeduld. Eine Zeile ist schon fast fertig. Demnächst werde ich sie wohl auf den Markt werfen müssen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)