Die großen Hypotheken-Refinanzierer sind ein reines US-Phänomen. Der österreichische Markt kennt nichts Vergleichbares.
Das Schicksal von Fannie Mae und Freddie Mac ließ in der Finanzwelt kaum jemanden kalt. Und nach der Ankündigung von US-Notenbank und -Regierung, den angeschlagenen Hypotheken-Refinanzierern notfalls unter die Arme zu greifen, war die Erleichterung spürbar.
Denn die Folgen für die globalen Finanzmärkte wären unabsehbar, würden auch die beiden Hypothekenriesen zusammenbrechen. Immerhin kontrollieren sie über 40 Prozent aller Immobilienkredite in den USA. Weshalb sich sogar das Murren der Marktwirtschaftsdogmatiker über den geplanten Eingriff ins freie Spiel der Kräfte diesmal sehr in Grenzen hielt.
Wurzeln in den 30er-Jahren
Wie konnte es aber überhaupt zu einer solchen Konzentration des US-Hypothekengeschäfts kommen? Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen weit zurück. Fannie Mae – der Name entstand aus FNMA (Federal National Mortgage Association, nationale Bundeshypothekenvereinigung) – wurde 1938 gegründet und sollte der US-Bevölkerung nach der Weltwirtschaftskrise zu billigen Eigenheimkrediten verhelfen. Fannie kaufte von privaten Banken die Kredite auf, bündelte sie, verkaufte sie als Anleihen an Investoren und garantierte für die Zahlung. Die Banken erhielten dadurch Spielraum für neue Kreditvergaben und wurden außerdem das Risiko los.
Was als Hilfsmaßnahme gedacht war, entwickelte sich zum Bombengeschäft. Fannie Mae wurde 1968 privatisiert, 1970 bekam sie durch Freddie Mac – eine Verballhornung von FHLMC, für „Federal Home Loan Mortgage Corporation“ – Konkurrenz. Beide großen Refinanzierer füllten ihren Aktionären jahrelang die Taschen. Das typisch amerikanische Hypothekarkredit-System, beruhend auf dem Grundsatz „originate and distribute“, war geboren – und funktionierte klaglos, so lange es mit dem Immobilienmarkt aufwärts ging.
„In Österreich – und generell in Europa – gilt dagegen der Grundsatz ,originate and hold‘“, so Maria Geyer, Generalsekretärin des österreichischen Bankenverbands. Soll heißen: Die Bank, die den Kredit vergibt, behält ihn auch. Refinanziert wird nicht durch Weitergabe an Investoren, sondern über den Geldmarkt und vor allem durch Spareinlagen. Denn die meisten europäischen Banken verfügen – so Geyer – über eine „solide Einlagenbasis“.
Wertsteigerungen ohne Ende?
Weil das Kreditrisiko hierzulande üblicherweise beim kreditvergebenden Institut bleibt, sind europäische Banken aber auch wesentlich restriktiver bei der Kreditvergabe. Die Bonität der Kreditnehmer wird strenger geprüft, und der Kreditbetrag darf nicht mehr als rund 70 Prozent des Liegenschaftswerts ausmachen.
In den USA verabschiedete man sich dagegen während des langjährigen Immo-Booms von diesen Vorsichtsmaßnahmen. „Man ging davon aus, dass der Wert der Hypotheken ohnehin immer weiter steigt“, so Rechtsanwalt Friedrich Jergitsch, Bank- und Finanzrechtsexperte bei Freshfields Bruckhaus Deringer in Wien. Die US-Kreditinstitute glaubten daher, sich auch die Vergabe von Subprime-Krediten und Belehnungen in voller Höhe des Liegenschaftswerts leisten zu können. Dazu kam, dass der Kreditgeber das Risiko letztlich nicht selbst tragen musste.
Die Investoren wiederum hatten keine Ahnung, welche Einzelrisken in den Kreditpaketen steckten. „Es ist eine Gefahr der Zentralisierung, dass man leichter den Informationsfaden verliert“, so Jergitsch, der aber grundsätzlich nicht dem System die Schuld am Crash gibt. Sondern vor allem der lockeren Kreditvergabepraxis. Sobald die Immo-Blase platzte, musste es zum Zusammenbruch kommen. Und der traf den Gesamtmarkt, nicht nur das Subprime-Segment. Aus dem sich Fannie und Freddie übrigens weitgehend herausgehalten haben.
FANNIE, FREDDIE & DIE WELTBÖRSEN
■Als Folge der Hypothekenkrise kamen nach vielen US-Banken, die in den Kreditverbriefungs-Markt investiert hatten, auch die großen Hypotheken-Refinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac ins Trudeln. Sie haften für gut 40 Prozent aller Hypothekarkredite in den USA, der Zusammenbruch des Immobilienmarkts riss sie mit nach unten.
■Nach der staatlichen Hilfszusage reagierten die Kurse aber prompt – am Mittwoch stiegen die Aktien beider Refinanzierer jeweils um rund 30 Prozent. Weltweit zeigten sich die Börsen freundlicher, vor allem Finanzwerte drehten nach Bekanntwerden der guten Nachrichten ins Plus. Über den längerfristigen Trend sagt das allerdings noch nichts aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)