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USA: Das wird ein blutiger Sommer

(c) Reuters (Amit Gupta)
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Die amerikanischen Tageszeitungen stehen vor einer massiven Krise. 6000 Journalisten haben in diesem Jahr bereits ihren Job verloren – doch damit nicht genug.

Schlechte Nachrichten, bad news, sind das Geschäft von Zeitungen. Doch in den USA werden Tageszeitungen mehr und mehr selbst zum Thema von Schlagzeilen. Die letzten schlechten Nachrichten kamen vergangene Woche aus Chicago: Die traditionsreiche „Chicago Tribune“ entlässt 80 Reporter – knapp 14 Prozent der redaktionellen Mitarbeiter. Damit haben in den Vereinigten Staaten heuer bereits 6000 Journalisten ihren Job verloren.

Es sei ein „blutiger Sommer“ für amerikanische Tageszeitungen, urteilte die Nachrichtenagentur Reuters. Das ist keine Übertreibung: Die angesehene „Los Angeles Times“ baut 150 Redakteure ab; die „Portland Press Herald“ reduziert ihr Team um 25 Prozent; die Herausgeber des „Miami Herold“ und der „Sacramento Bee“ bauen zehn Prozent der Mitarbeiter ab; der „Boston Herald“ verkauft seine Druckerei. Und selbst die „New York Times“ diskutiert, 100 Journalisten zu entlassen.

Hintergrund der Sparwelle ist nicht nur – wie erwartet – das Internet mit seinen freien Nachrichtenquellen. In den USA kommen erschwerend der Zusammenbruch des Immobilienmarktes und die schwache Wirtschaft dazu.


Einbruch bei Anzeigen

Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gingen die Anzeigenverkäufe in den Printmedien um zwölf Prozent zurück. Am schwersten betroffen ist Kalifornien, wo sich viele Medien mit Immobilienanzeigen finanzierten. Weil diese Einnahmequelle jetzt versiegte, macht beispielsweise der „San Francisco Chronicle“ pro Woche einen Verlust von einer Million Dollar.

„Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass viele Zeitungen in die Verlustzone geraten“, meint Peter Appert, Analyst bei Goldman Sachs. „Pleiten werden unvermeidbar sein, der Wald bei den Printzeitungen wird sich deutlich lichten.“

Dass die Antwort auf die Krise im Internet liegt, ist den Medienmachern klar. Die „New York Times“ beispielsweise baute ihre Online-Redaktion massiv aus und gehört zu den meistbesuchten Webseiten der USA. Andere Zeitungen, wie etwa „USA Today“, verschmelzen ihre Print- und Online-Ressorts. Bei der „Seattle Times“ schreiben Reporter zuerst für das Internet, dann ausführlicher für das Printprodukt.

Doch selbst das einst blühende Online-Geschäft mit jährlichen Anzeigen-Steigerungsraten von 30 Prozent brach im vergangenen Jahr ein: Um nur 15 Prozent konnten Zeitungen Bannerverkäufe (Online-Werbeflächen) auf ihren Webseiten steigern. Die Einnahmen aus der Internet-Werbung sind freilich ohnehin nur ein Taschengeld für die Verlage: Sie machen gerade einmal zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Journalisten werden in den USA mehr und mehr zu Ein-Mann-Teams ausgebildet. Die junge Politikzeitung „Politico“ in Washington hat ihre Mitarbeiter mit Video- und Audiorekordern ausgerüstet. Sie schreiben nicht nur für die Online- und Printausgabe, sondern machen auch Videos für das Internet und einen lokalen Fernsehsender sowie Beiträge für Podcasts und einen Radiosender.


Die „Zeitung der Zukunft“

Ausgerechnet eine Lokalzeitung aus dem Bundesstaat Kansas macht das seit Jahren vor. Die „Lawrence Journal World“ wurde für ihre mutimedialen TV-, Radio- und Printjournalisten von der „New York Times“ bereits im Jahr 2005 als „Newspaper of the Future“ bezeichnet. Ihr Erfolg liegt freilich nicht nur in der Einbindung des Internets, sondern nach Meinung von Experten auch in der Konzentration auf den lokalen Markt.

Der Ausbau der Lokalberichterstattung soll auch die „Los Angeles Times“ retten, die seit Jahren in schweren finanziellen Turbulenzen ist. Das Washington-Büro wurde abgebaut, Auslandsbüros geschlossen und der Umfang der Printausgabe pro Woche um 500 Seiten reduziert. Mit 720 Redakteuren hat die Zeitung auch nach den Entlassungen eines der größten Nachrichtenteams der USA, das sich künftig verstärkt um Bezirksgeschichten kümmern soll. „Was weltweit passiert, können wir überall lesen. Was in Los Angeles passiert, soll man nur bei uns finden“, gab Herausgeber Samuel Zell als Motto vor. Dafür teilte man nicht nur Bezirke der Millionenstadt auf bestimmte Redakteure auf, sondern sogar einzelne Straßen.

Ob die Konzentration auf den lokalen Markt die gedruckte Zeitung rettet, bleibt abzuwarten. Der Schwund der Leserschaft erreichte 2007 jedenfalls ein neues Tief: Weniger als 50 Prozent der US-Bürger lesen noch eine gedruckte Tageszeitung (Österreich 2007: 70Prozent). Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es überhaupt nur noch 34 Prozent. Alex Alben, Kommentator bei der „Seattle Times“, ist dennoch zuversichtlich. „Als das Radio aufkam, sagte man die Tageszeitung tot. Dann prophezeite man den Untergang mit den ersten Fernsehsendern. Die Zeitung hat alles überlebt, sie wird auch das Internet überleben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)