Barack Obama: Gratwanderung zwischen den Rassen

(c) Reuters (Brian Snyder
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Mit seiner Kritik an Afroamerikanern macht sich der Präsidentschafts-kandidat der US-Demokraten etliche Feinde, aber auch viele Freunde.

Washington. In den USA spricht man öffentlich nicht darüber: Über das Faktum etwa, dass 50 Prozent der afroamerikanischen Kinder ohne Vater aufwachsen oder dass 69 Prozent aller schwarzen Kinder außerehelich geboren sind (29 Prozent der weißen). Wer es trotzdem tut, sorgt für Irritationen und läuft Gefahr, sich heftigen Angriffen auszusetzen. Sogar dann, wenn der Kritiker selbst schwarz ist, wie der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama.

Mit seinem Aufruf an afroamerikanische Väter, zu ihrer Verantwortung zu stehen, sorgt der Demokrat seit Tagen für Debatten und untergriffige Attacken. Obama mache die Schwarzen schlecht, er wolle ihm deswegen „die Nüsse“ abschneiden, sagte beispielsweise der Bürgerrechtler Jesse Jackson in einem privat geglaubten Moment, der von einem TV-Mikrofon eingefangen wurde. Dass er Obama zudem als „Nigger“ bezeichnete, ist Beweis seiner Wut.

Getan hatte der Senator aus Illinois dabei nicht viel anderes, als vor ihm schon andere prominente Afroamerikaner, etwa der TV-Schauspieler Bill Cosby: Er las den Schwarzen die Leviten. Sie müssten sich selbst mehr anstrengen, um ein besseres Leben zu erreichen. Zwar müsse die Politik ihren Beitrag leisten, aber mangelnde Möglichkeiten dürften nicht als Ausrede für Bequemlichkeit dienen, so Obama bei einer Konferenz einer afroamerikanischen Organisation.

Vor allem die Verantwortung innerhalb der Familien mahnte Obama ein. „Ein Mann zu sein heißt nicht, ein Kind zeugen zu können, sondern ein Kind großzuziehen.“ Damit nicht genug: Eltern müssten ihren Söhnen und Töchtern Vorbild und Führung sein, das beginne beim Ausschalten des Fernsehers, bei der richtigen Wortwahl und gehe bis zur Hilfe bei Hausaufgaben.

„Verdammte“ Afroamerikaner

Dass Obama solche Selbstverständlichkeiten predigt, sorgte bei etlichen Schwarzen für Unmut. Vor allem deswegen, weil sie hinter den Motiven des 46-Jährigen weniger ehrliche Sorgen vermuten, als bei Bill Cosby, der Ähnliches weitaus weniger diplomatisch gesagt hatte („Hört auf, eure Frauen zu schlagen, nur weil ihr keinen Job findet aus dem einfachen Grund, dass ihr nicht studieren wolltet“; „Ich habe es satt, dass ihr eure Faulheit mit dem Rassismus der Weißen begründet.“).

Obama dagegen unterstellt man Kalkül. „Für ihn sind wir ein politischer Spielball“, kritisierte der schwarze Bürgerrechtler und Autor Kevin Alexander. Indem er „uns verdammt, hofft er auf weiße Stimmen“.

Tatsächlich sorgte die Obama-Rede für Lob und Anerkennung bei der weißen Bevölkerungsschicht. „Es wird Zeit, dass man über diese Fakten diskutiert“, meinte ein Kommentator des konservativen TV-Senders „Fox News“. „Obama kann man wohl kaum Rassismus vorwerfen.“

Der Demokrat macht mit seiner Kritik eine heikle Gratwanderung zwischen der weißen und der schwarzen Bevölkerung. Einerseits braucht er die Unterstützung der Afroamerikaner, andererseits darf er sich nicht als rein schwarzer Präsidentschaftskandidat positionieren, weil er damit gewisse weiße Schichten abstoßen könnte. Letzteres gilt als Grund für die gescheiterten Präsidentschaftskandidaturen von Jesse Jackson in den 80er-Jahren.

Die Vorbehalte der weißen Wähler bestätigt eine Untersuchung der „New York Times“. Obwohl Obama in allen Umfragen knapp vor dem (weißen) republikanischen Kandidaten John McCain liegt, lehnen ihn 37 Prozent der Weißen strikt ab (bei McCain sind es 28 Prozent). 31 Prozent haben eine gute Meinung von ihm, unter schwarzen Wählern sind es 83 Prozent. Noch.

Nicht schwarz genug

„Er läuft Gefahr, für die Weißen nicht weiß genug und für die Schwarzen nicht schwarz genug zu sein“, meint die Washingtoner Politexpertin Debrah Sock. Gerade der Vorwurf, nicht „schwarz genug“ zu sein, kommt immer wieder: Nie habe er die Armut und das Leben in einem der Ghettos erfahren, die täglichen Diskriminierungen und die Gewalt. Er sei vielmehr wohlbehütet aufgewachsen (auch ohne Vater und großgezogen hauptsächlich von seiner Großmutter).

Barack Obama hat freilich seine Erfahrungen gemacht. „Als ich versucht habe, nachts bei Regen ein Taxi in New York zu bekommen, da habe ich erlebt, was es heißt, schwarz zu sein.“

FAKTEN

13 Prozent der US-Bevölkerung sind schwarz. Sie wählen traditionell demokratisch. Bill Clinton galt wegen der massiven Unterstützung, die er von Afroamerikanern bekam, als erster „schwarzer Präsident“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)

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