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Deckname „Tiarks“

Ein gewaltiges Konvolut aus Tagebüchern, Werkmanuskripten und Briefen: der Nachlass Arthur Schnitzlers. Wie er nach dem „Anschluss“ vor dem Zugriff der Nazis gerettet werden konnte und von Wien nach Cambridge kam.

Handeln Sie bitte unverzüglich!“ Der an den Bibliothekar der Universität Cambridge adressierte Brief, der diese dringende Aufforderung enthält, kam aus einem fernen Land, hatte einen bis dahin dem Bibliothekar unbekannten Verfasser und brachte eine eigenartige Bitte vor. Es hieß ferner: „Cambridge wird stolz sein können, ihn vor dem Vergessen gerettet zu haben.“ Das war der Anfang der abenteuerlichen Rettung eines der wichtigsten literarischen Nachlässe Europas – durch einen Studenten, eine Witwe auf der Flucht nach Amerika, einen Bibliothekar und einen Diplomaten.

Die Rede ist vom Privatarchiv Arthur Schnitzlers, zu dessen intensiven und nicht immer einfachen Bekanntschaften Sigmund Freud (der ihn in einem Brief seinen „Doppelgänger“ nannte), Theodor Herzl, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Stefan Zweig oder Thomas und Heinrich Mann zählten. Dass Schnitzlers umfassender Nachlass – 40.000 Seiten an Tagebüchern, Werkmanuskripten und Briefen, die einen Querschnitt bieten durch eine der faszinierendsten und dramatischsten Epochen unserer Geschichte – heute noch existiert, ist fast ein Wunder.

Als im Jahre 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen, wurden die Werke des jüdischen Schriftstellers als „dekadent“ verurteilt. 1935 stellte das Burgtheater sämtliche Schnitzler-Aufführungen ein. Durch der „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938 wurde die Gefahr, dass Schnitzlers Nachlass in die Hände der Nationalsozialisten geraten und zerstört werden könnte, konkret.

Zu diesem kritischen Zeitpunkt bemühte sich die Witwe des Schriftstellers, Olga Schnitzler, Wien zu verlassen. Da sie den gewaltigen Nachlass nicht mitnehmen konnte, wandte sie sich eilends an einen englischen Studenten namens Eric Blackall, der sich in der Stadt befand und ihr als vertrauenswürdige Person empfohlen wurde. Der künftige Professor an der Cornell University und Träger des Ehrenkreuzes der Republik Österreich war damals ein junger Mann von 23 Jahren, der sein Studium in Cambridge abgeschlossen hatte und als Doktorand an der Universität Wien über Adalbert Stifter arbeitete. Er hatte gerade seine Dissertation eingereicht, als ihn Olga Schnitzler um Hilfe bat – worauf er mit erstaunlicher Promptheit reagierte.

Der Briefwechsel zwischen Blackall und dem damaligen Bibliothekar der Cambridge University Library, Alwyn Faber Scholfield, erlaubt uns, die Chronologie der Ereignisse in ihren Umrissen zu rekonstruieren. Obgleich die Briefe aus Sicherheitsgründen jegliche Anspielung auf die nationalsozialistische Bedrohung vermeiden, sind in späteren Äußerungen Spuren der traumatischen Erlebnisse unverkennbar: „Keiner, der in jenen Monaten nicht in Wien war“, so schreibt Blackall selbst in einem Brief aus dem Jahr 1949, „kann die Schwierigkeiten verstehen, unter denen diese Leute lebten.“

Das ist der dramatische Hintergrund, vor dem die Geschichte der abenteuerlichen Rettung von Arthur Schnitzlers Nachlass spielt. Am 21. März 1938, eine Woche, nachdem die deutschen Truppen in Österreich einmarschiert waren, erhielt der Bibliothekar in Cambridge einen Brief von Blackall, in dem dieser ihm die dringliche Frage stellte, ob er den gesamten Nachlass des Schriftstellers als eine Schenkung von Olga Schnitzler akzeptieren möchte. Der Bibliothekar telegrafierte unverzüglich nach Wien und nahm das Angebot an. Das versetzte Blackall in die Lage, unter der Ägide des britischen Konsuls eine beeidete Urkunde zu unterzeichnen, die die Eigentumsübertragung an die Cambridge University Library festlegte.

In der Villa des Schriftstellers in Wien-Währing waren nun das Arbeitszimmer samt seinem ganzen Inhalt britischer Besitz, weshalb der Konsul sie unverzüglich versiegeln lassen konnte. Eine Verzögerung von auch nur wenigen Tagen wäre fatal gewesen. Gerade die britischen Siegel an der Tür des Arbeitszimmers waren es, welche die verschiedenen nationalsozialistischen Polizeieinheiten, die in den folgenden Tagen das Haus wiederholt durchsuchten, daran hinderten, jenen Raum zu betreten und dessen Inhalt zu konfiszieren.

Für den Augenblick war Schnitzlers Nachlass gerettet. Als weiterer Schritt musste der Transport der Dokumente nach Großbritannien organisiert werden. Es muss ein besonders gefahrvolles Unterfangen gewesen sein, was sich darin zeigt, dass Blackall zu einem bestimmten Zeitpunkt seine Briefe nach Cambridge nur mehr mit einem Decknamen unterzeichnete („Tiarks“, dem Namen des Stipendiums, das er in Cambridge erhalten hatte und den nur sein Professor und der Bibliothekar kennen konnten). Blackall fand ein verlässliches Transportunternehmen, der Konsul bot seinen Schutz an.

Den April 1938 verbrachte der junge Student in Schnitzlers Haus, wo höchste Anspannung herrschte (man vermutete, das Telefon werde abgehört), und befasste sich unter größtem Zeitdruck damit, die Dokumente zu inventarisieren und deren Einpacken zu überwachen. Bald wurden die Pakete unter strengen Sicherheitsmaßnahmen abgesandt: Den mit Schlössern gesicherten Behältern sollten die Schüssel separat nachgeschickt werden.

Am 23. Mai 1938 erreichte ein Dutzend geräumiger, verschlossener Behälter (vier davon ähnelten eher schon imposanten Schränken) Großbritannien. In der Zwischenzeit hatte Olga Schnitzler ein Visum erhalten und befand sich auf dem Weg nach England. Am 25. Mai traf sie in Cambridge mit dem Bibliothekar zusammen und telegrafierte Blackall, um ihn zu informieren, sie und der Nachlass seien unversehrt in England angekommen.

Am selben Abend schrieb Blackall an den Bibliothekar, dass er bald die Schlüssel nachsenden werde. Als diese Anfang Juni in Cambridge eintrafen, konnten die Behälter zum ersten Mal geöffnet werden. Die Quantität ihres Inhalts war verblüffend. Dank einer Sondererlaubnis des britischen Innenministeriums konnte Olga Schnitzler ihren Aufenthalt verlängern, um beim Sichten und Ordnen des Materials behilflich zu sein.

Obgleich auf Distanz an der Operation beteiligt, konnte Blackall gerade zu dieser Zeit nicht in Cambridge sein. Dennoch hatte er beim Verlassen Wiens noch ein Familienkleinod retten können, und zwar auf pittoreske Art: den prestigeträchtigen Burgtheaterring, mit dem Schnitzler 1926 ausgezeichnet worden war. Infolge Kinderlähmung mit einem kürzeren Fuß aufgewachsen, konnte Blackall, als er Österreich verließ, den Ring in seinem rechten Socken verstecken, um ihn später Schnitzlers Sohn Heinrich am Zürcher Bahnhof zu überreichen. Heinrich war auf dem Weg nach Amerika, wo ihn seine Mutter 1939 erreichen würde.

Der Exodus der Manuskripte freilich hatte gerade erst begonnen: Sie würden teilweise den wirren Wanderungen der betroffenen Personen folgen. Als Olga Schnitzler nach Amerika aufbrach, durfte sie einen Teil des Nachlasses mitnehmen, da beschlossen wurde, dass die privaten Dokumente – nämlich das Tagebuch und große Teile der Korrespondenz – innerhalb der Familie bleiben sollten. Die meisten davon wurden ihrem Sohn Heinrich anvertraut, Olga Schnitzler behielt nur einige für sich, welche sie mit ihrer späteren Übersiedlung in die Schweiz nach Europa zurückbrachte.

Die Zeitungsausschnitte, welche die Rezeptionsgeschichte von Schnitzlers Werken exzeptionell genau dokumentieren, wurden über einen mit Olga Schnitzler befreundeten Akademiker an die Universität Exeter verschenkt. Ihr übriges Besitztum kehrte nach ihrem Tod im Jahre 1970 über Blackall nach Cambridge zurück.

Heinrich Schnitzler, der jahrzehntelang in Amerika blieb, bevor er nach Wien zurückkehrte, kümmerte sich um seinen Teil des väterlichen Nachlasses, parallel zu seiner Karriere als Regisseur. Er ließ davon Mikrofilme anfertigen, publizierte zahlreiche Quellen und stand mit seiner Kenntnis der Welt seines Vaters und dessen schwer zugänglicher Handschrift internationalen Forschern zur Seite. Nach seinem Tod im Jahre 1982 wurden die in seinem Besitz befindlichen Dokumente testamentarisch dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach vererbt.

Heute sind die Protagonisten dieser Geschichte – Olga und Heinrich Schnitzler, Eric Blackall, der Konsul und der Bibliothekar – allesamt seit Langem verstorben. Aber ihre Entscheidungen und Bemühungen haben ein bedeutendes und bleibendes Zeichen hinterlassen. Ihnen, die „unverzüglich“ zu handeln wussten, verdanken wir, dass uns der imposante Nachlass Arthur Schnitzlers in seinem ganzen Reichtum erhalten geblieben ist: als ein außerordentlicher Schatz, als das Denkmal eines Schrifstellers, einer Epoche und der Literatur – sowie des Muts seiner Retter. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)