Wie frei ist der Interpret heute?

Wie verwandt ist die Arbeit eines Schauspielers, eines Theaterregisseurs mit der eines Dirigenten?

Beim Attergauer Kultursommer kam es am Wochenende zum spannenden Zusammentreffen des Dirigenten Manfred Honeck (designierter Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra und GMD in Stuttgart) mit dem Salzburger „Jedermann“, Peter Simonischek.

Simonischek beschrieb die Stellung des Schauspielers im heutigen Theaterleben, die nicht mehr vergleichbar sei mit jener früherer Theater-Größen, die allenthalben „ihren“ Hamlet, „ihren“ Tasso präsentieren konnten.

„Heute“, so Simonischek, sei die Arbeit des Schauspielers eher mit der des Orchestermusikers vergleichbar: „Da wird zunächst einmal von Regisseur und Bühnenbildner ein Konzept erarbeitet. Der Schauspieler wird konfrontiert mit diesen Vorarbeiten – und staunt vielleicht darüber, was die sich ausgedacht haben. Er überlegt dann, ob er sich da wirklich einklinken möchte, oder sagt gleich: Sucht euch einen andern. Theater funktioniert heute wie eine Pyramide, die auf der Spitze steht. Der Regisseur denkt sich alles aus und muss es weitervermitteln, nicht nur an die Schauspieler, sondern an sämtliche Abteilungen des Hauses, die alle dieser Idee, dieser Vision dienen müssen.“

Viel schöpferischer Freiraum scheint dem einzelnen Künstler da nicht zu bleiben. Simonischek: „Jeder kann in seinem Bereich zwar bis zu einem gewissen Grad interpretieren. Aber er darf den Grundkonsens nicht verlassen. Es gibt erstaunlich gute Ergebnisse bei Regisseuren, die kein Detail aus der Hand geben. Axel Corti war so ein Mann. Er ging misstrauisch von einem zum andern, vom Kameramann bis zum Requisiteur, hat alles kontrolliert – und sich oft während der Arbeit von Mitarbeitern getrennt. Der Idealfall ist eine starke Persönlichkeit mit starken Visionen, die es schafft, fähige Künstler einzubinden in seine Vision – und ihnen trotzdem das Gefühl zu geben, ihren Freiraum zu haben.“

Manfred Honeck zum Standpunkt des Dirigenten: „Kirill Kondrashin hat gern von jenem Projekt nach der russischen Revolution erzählt, ein Orchester ohne Dirigenten, sozusagen auf demokratischer Basis aufzubauen. Als Dirigent ist man froh, dass das nicht gelungen ist! Aber man versteht es wohl auch: Schon wenn vier Musiker zusammenspielen, gibt es vier verschiedene Meinungen. Es ist klar, dass es da einer Führung bedarf. Ein Dirigent, der versuchen würde, demokratisch zu sein, wäre schon verloren. Er kann ja vom einzelnen Musiker gar nicht verlangen, dass der die Partitur so gut kennt wie er selbst.“

Der Dirigent, der sich eine Partitur erarbeitet hat, muss sie mit den Musikern so umsetzen, dass es keine Fragen gibt. Es kommt im Orchester immer nur dann zu Diskussionen, wenn ein Dirigent nichts zu sagen hat. Interpretieren heißt ja auch erklären! Dirigenten sollten einem Orchester ein Stück auch wirklich erklären können.“ Zum Thema Freiheit des einzelnen Musikers: „Wenn der Oboist einen fantastischen Übergang modelliert, dann muss der Dirigent mitgehen. Er muss mit seiner Schlagtechnik die Musiker spüren lassen, dass sie diese Freiheit haben. Solange der Grundkonsens da ist, von dem auch Peter Simonischek gesprochen hat.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2008)

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