Österreichs Olympia-Komitee nominierte 72 Athleten, die Sportler haben bei der Eröffnungsfeier erstmals Vorrang vor Funktionären. Außenquartiere wurden untersagt.
WIEN. Leicht habe man sich die Entscheidung nicht gemacht, das wollte Österreichs höchster Olympier Leo Wallner wirklich betont wissen. Und ihm sei freilich auch bewusst, dass es „Härtefälle“ gibt, die durchaus einen Platz im ÖOC-Aufgebot für die Sommerspiele in Peking verdient hätten. Einige hatten sogar das internationale Limit erfüllt, rechnet Wallner vor, wären aber nach dem Entschluss des Präsidiums trotzdem nicht in dem 72 Personen (42 Herren, 30 Damen) umfassenden Team, das Österreich ab 8. August in China vertreten wird. Es sei eine „Ermessensfrage“, gestützt von erbrachten Leistungen und kalkulierbaren Hoffnungen.
„Ich hoffe auf die eine oder andere Medaille und freue mich über jede. Zahl werden Sie von mir keine hören“, sagt Wallner nach der einer Zeremonie gleichenden Verlesung aller Namen. Und so klein die Mannschaft auch auf den ersten Blick für kritische Geister wirken mag, im kleinsten Aufgebot seit Montreal 1976 (64 Aktive) stecken durchaus gleich mehrere Medaillen-Kandidaten. Es sind: Markus Rogan (200 m Rücken), Judoka Sabrina Filzmoser (bis 57 kg), Kate Allen (Triathlon), die Segler Hagara-Steinacher (Tornado), Andreas Geritzer (Laser) oder Silvia Vogl/Carolina Flatscher (470) oder der Schütze Christian Planer.
Österreichs „Wasser-Affinität“
Im Gegensatz zu Athen wird Österreich in China in den Sparten Ringen, Taekwondo, Rudern und Gewichtheben nicht vertreten sein, dafür präsentieren sich der Schwimmverband mit 17 Teilnehmern und der Segelverband mit 11 besonders stark. Ob diese „Wasser-Affinität“ Rückschlüsse auf einen Wandel im österreichischen Sport zulässt, will Wallner nicht hinterfragen. Die Zahlen aber zeigen deutlich auf, in welchen Bereichen flächendeckend leistungsorientiert gearbeitet worden ist.
Nicht nur Sport-Aspekte erklärt Wallner an diesem Tag in Wien, auch über die Verhaltensnormen während der Spiele hat er alle 72 Sportler mit einer eigenen Broschüre unterrichtet. China sei weiterhin eine Diktatur, die freie Meinung werde – außerhalb aller Olympiastätten – akzeptiert, auf dem IOC-Areal selbst jedoch gilt die Olympische Charta (keine politischen Parolen, etc.). Darüber ist Wallner sehr glücklich, mit dieser Lösung wurde Athleten schließlich kein „Maulkorb“ verpasst.
In anderen Belangen jedoch griff der als milde geltende Wallner jedoch hart durch. Die Ereignisse bei den Winterspielen in Turin (Stichwort: Doping-Razzia) haben Folgewirkung, Außenquartiere werden nicht genehmigt. Wer also zu den Spielen darf, muss ausnahmslos im Olympischen Dorf schlafen. Um auch „ungebetenen Gästen“, so Wallner, vorzubeugen, wurde etwa zu Walter Mayer – dem Lebensgefährten der steirischen Marathonläuferin Eva Maria Gradwohl – eine Deklaration verfasst. Wallner: „Seine Anwesenheit in China ist unerwünscht.“ In diesem Fall wird auf etwaiges Fingerspitzengefühl verzichtet. Jedoch: Walter Mayer ist ein freier Mensch, verbieten kann man ihm nichts.
Während am Montag sukzessive 72 Sportler ihr Olympia-Gewand (Wert, Herren: 3174 €, Damen: 2963 €) im Hilton-Hotel abholen, lächelt Leo Wallner. Er weiß, dass das ÖOC alles unternommen hat, um den Wünschen des internationalen Dachverbandes IOC zu entsprechen. Auch ein nationales Anliegen ist übrigens bei der Sitzung „schriftlich“ deponiert worden. Beim Einmarsch zur Eröffnungsfeier kommen fortan immer zuerst die Sportler, dann erst die Funktionäre. Das war in der Vergangenheit ja nicht immer der Fall...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2008)