Olympia 2008: Vereidigung stiller Botschafter

(c) APA (Barbara Gindl)
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Bundespräsident Heinz Fischer verabschiedete Österreichs 72 Peking-Starter. Ein Besuch in der Hofburg.

WIEN. Hans Spitzauer und Christian Farnik kennen den Weg blind. Zielsicher marschieren die Olympia-Veteranen vom Josefsplatz zum Eingang des Zeremonien-Saals. Sie sind ja immerhin zum fünften Mal dabei. Ab der Türe hilft der rote Teppich einigen zögerlich blickenden Sportlern, die vor ihrer Olympia-Premiere stehen. Für sie ist es eben etwas Unbekanntes, ganz Neues, „angelobt“ zu werden.

Im ersten Stock wartet das Empfangskomitee auf die 72 Sportler, die Österreich bei den Sommerspielen in Peking vertreten. Es folgen kurze prägnante Anweisungen, das Team nimmt Stellung auf – und Bundespräsident Heinz Fischer beginnt das Zeremoniell.

Was vielleicht wie der Ablauf des ersten Schultages klingt, an dem sich Mitschüler kennenlernen und Lehrkörper vorstellen, genießt bei Olympia-Sportlern hohes Ansehen. Es soll ein Vertrauensvorschuss, der erste Lohn für erbrachte Leistungen sein und dazu dienen, den Mannschaftsgeist zu wecken. Heinz Fischer sagt: „Diese Vereidigung ist wie ein Startschuss. Jetzt beginnt ein Abschnitt in Ihrem Leben, den Sie nicht vergessen werden. Olympische Spiele sind etwas Einzigartiges. Genießen Sie es, aber vergessen Sie trotzdem eines niemals: Es ist nur ein sportlicher Wettbewerb, sonst nichts.“

Fischers Wortwahl imponiert, denn er betont, dass Sport und Politik stets getrennt bleiben müssten, sogar in Österreich. Dass es da bei so manch anwesendem Sport-Politiker rumort im Magen, ist vermutlich nur ein gewünschter Nebeneffekt gewesen.

Gegen Ende Fischers Ansprache kommt etwas Aufregung ins andächtige Olympia-Volk, zwei kleine Kinder huschen durch den Raum. Das und das Klingeln seines Mobiltelefons hindern jedoch ÖOC-Präsident Leo Wallner nicht, allen Anwesenden den Olympischen Eid – „Im Namen aller Athleten verspreche ich, dass wir an den Olympischen Spielen teilnehmen und dabei die gültigen Regeln respektieren und befolgen und uns dabei einem Sport ohne Doping und Drogen verpflichten, im wahren Geist der Sportlichkeit, für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft“ – abzunehmen.

Nicht-olympische Ellbogen

Danach beginnt das eigentliche Spektakel. Fischer reicht jedem die Hand, er spricht einigen Mut zu. Verfolgt wird er von einer Horde Fotografen und TV-Teams. Seit jeher hält sie stets eine zwischen ihnen und dem Präsidenten gespannte Kordel zurück. Der Lerneffekt ist gleich null, das Gedränge ist enorm, es fallen Kraftausdrücke und die nicht-olympische Ellbogen-Technik kommt zum Einsatz.

Weder Athleten, Fischer noch Wallner nehmen es übel, dafür ist die Vorfreude zu groß und die Einstellung zu prägend. Denn Wallner lobt die Athleten als „stille Botschafter“, nichts anderes sollten sie in China sein. Erfolgreich, gefeiert – nur (politische) Reaktionen sind unerwünscht. Die passen nicht, weder ins Erscheinungsbild noch ins Regelwerk.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2008)

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