Der deutsche Brando

Götz George wird 70. Lange spielte der scheue und schwierige Star gegen seinen übermächtigen Schauspieler-Vater an – und spielt doch in Deutschland in einer eigenen Liga.

Was hätte aus der Begegnung nicht werden können. Rainer Werner Fassbinder, der genialische Kraftlackel des Neuen Deutschen Films, steht am Flipper-Automaten und schweigt vor sich hin, während Götz George, auch so ein Kraftprotz, auf ihn einredet – bis ihm schließlich der Kragen platzt: „Wenn Sie mir nicht antworten, dann drehen Sie Ihren Scheiß' alleine.“

So schildert es George in seiner Biographie „Mit dem Leben gespielt“, die anlässlich seines heutigen 70. Geburtstags herauskam und die den Charakter des ebenso scheuen wie schwierigen Stars porträtiert. Er legte sich mit Regisseuren an – und live vor Millionenpublikum auf der „Wetten-dass“-Couch selbst mit Fernsehleuten wie dem ansonsten so verträglichen Thomas Gottschalk. Von den Zuschauern ausgebuht, fürchtete George damals ernsthaft um seine Karriere.

Da war er für die breite Masse bereits „Schimanski“, der ruppige „Tatort“-Kommissar aus dem Ruhrpott mit dem verschlissenen Parka, dem das „S-Wort“ so leicht auf der Zunge liegt. Die Rolle begründete seinen späten Ruhm, dem der Jungschauspieler in den populären Winnetou-Filmen („Der Schatz im Silbersee“) der 60er-Jahre noch zu entkommen suchte.

„Putzi“ und der Titan

Lange spielte „Putzi“, so sein familieninterner Spitzname, gegen den übermächtigen Schauspieler-Vater an, der sich mit den Nazis eingelassen hatte. Heinrich George, nicht nur vom Leibesumfang her ein Titan, züchtigte seinen Sohn zuweilen mit der Reitpeitsche, starb nach dem Krieg aber früh in einem russischen Gefangenenlager.

Benannt nach der Lieblingsrolle seines Vaters, dem „Götz von Berlichingen, kultivierte auch der Sohn eine Körperlichkeit, die ihn dazu trieb, die Stunts gleich selbst zu übernehmen. In seinen Filmen knöpfte er sich die Monster der deutschen Geschichte gleichsam serienweise vor – den KZ-Arzt Mengele, den Kommandanten Höß, den homosexuellen Massenmörder Fritz Haarmann. Auf den Part des Josef F. könne er indes getrost verzichten, wie er in einem Interview bekannte. Dafür hat er in der Verfilmung des George-Tabori-Stücks „Mein Kampf“ gerade den Schlomo Herzl dargestellt, den jüdischen Hitler-Vertrauten im Wiener Männerasyl.

Als Knallcharge hat George in den Helmut-Dietl-Komödien „Schtonk“ (als schmieriger Reporter) und „Rossini“ (als Alter Ego des Regisseurs) brilliert. Mit seiner Heimat hat der deutsche Brando seinen Frieden gemacht – er lebt ja auch die meiste Zeit als Einsiedler auf Sardinien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.