Salzburger Festspiele: Ein düsteres Forsthaus aus Brüssel

(c) APA (Maarten Vanden Abeele)
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Die Trilogie der „Needcompany“ in Hallein. Ein Blick auf Teil III: „Das Hirschhaus“.

Der Regisseur stapelt tief: „Sie werden jetzt bei der Probe sehen, wie wir durch den Text stolpern, das ist doch auch ein Erlebnis,“ lacht Jan Lauwers. Doch was seine Truppe dann beim Lesen im Kaaitheaterstudio zwei Monate vor der Uraufführung in Salzburg bietet, wirkt bereits sehr durchdacht und professionell. Kaum ein Darsteller muss noch das Blatt zu Hilfe nehmen, nur die Musik klingt improvisiert. Diese Gruppe konzentriert sich auf ein Stück pro Jahr, geht damit von Brüssel aus auf Tournee. Die „Needcompany“, die aus Schauspielern, Musikern und Tänzern besteht, auf bildende Kunst baut, übt jetzt den dritten Teil einer aufsehenerregenden Trilogie. „Das Hirschhaus“ (28.-30. Juli auf der Perner-Insel in Hallein) ist ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele, ein Totentanz, ein Fest des Archaischen.

In diesem Stück verarbeitet die „Needcompany“ eine Geschichte, die sie unmittelbar betrifft. Der Bruder der Tänzerin Tijen Lawton, ein Kriegsfotograf, war 2001 im Kosovo ums Leben gekommen. Dieser tragische Tod ist Ausgangspunkt der Handlung, es geht um die Gegenwart, während sich Teil I der Trilogie („Isabellas Zimmer“) der Vergangenheit, dem Leben einer blinden Greisin, Teil II („Lobstershop“) der Zukunft zuwendet: Gentechniker Axel kann den Tod seines Kindes nicht verhindern, daran zerbricht die Ehe mit Theresa. Der gesamte Zyklus „Sad Face/Happy Face“ ist in Hallein auch komplett zu sehen (1., 3., 5. August.)

Multimedial und in drei Sprachen

Alles kreist um Abschied und Vergänglichkeit, multimedial und dreisprachig, in Flämisch, Französisch, Englisch. Wenn man der Handlung nicht folgen könne, sei das halb so schlimm, beruhigt der 51-jährige Regisseur: „Die Handlung verfolgt euch.“ Dass sie einen packt, dafür sorgen Charakterdarsteller wie Viviane De Muynck (im Vorjahr spielte sie in Salzburg die Hauptrolle in „Ein Fest für Boris“) als Matrone im Forsthaus, oder Lauwers Frau Grace Ellen Barkey als Primaballerina. Der Regisseur hat die Rollen jedem einzelnen Mitglied der Kompanie auf den Leib geschrieben. Sie danken es ihm mit völliger Verausgabung. Sechs Stunden werden manche von ihnen in der Trilogie auf der Bühne stehen.

Von Anfang an auf Tournee

Auf Verschworenheit, man kann es Liebe nennen, legt Lauwers Wert. „Ich wollte nie ein großes Haus, in dem meine Schauspieler am Dienstag Tschechow spielen, am Donnerstag Shakespeare, das ist nicht meine Welt. Da kann man nicht ausreichend in eine Sache investieren. Von Anfang an sind wir auf Tournee gegangen.“ Allerdings wollte er nach einer viel versprechenden Karriere als bildender Künstler nur fünf Jahre Theater machen. Das Schauspiel, von Menschen für Menschen aufgeführt, hat für ihn die direkteste Verbindung zur menschlichen Natur. „Jetzt gibt es uns bereits 22 Jahre. Wir sind aber noch immer nicht offiziell anerkannt, darauf sind wir stolz. Wir sind vollkommen frei, jeder kann jederzeit gehen.“ Bei der Aufnahme allerdings ist Lauwers streng. „Bei mir arbeiten nur klassisch ausgebildete Schauspieler und Tänzer, sie müssen drei Sprachen beherrschen. Es dauert lang, bis man hier angelangt ist.“

Die Theatermacher auf der Bühne haben nach zwei Stunden Probe das Ende ihrer Reise durch eine seltsame, oft hässliche Welt erreicht. Auf der Bühne liegen Hirsche, Dutzende Plastiken vor einem imaginären Forsthaus. Ganz diskret werden sie nun von den Akteuren weggeräumt.

Auf einen Blick

Die Salzburger Festspiele eröffnen das Theater am Samstag (18h) mit „Schuld und Sühne“ im Landestheater. Am Sonntag folgt „Jedermann“ auf dem Domplatz (17.30h), am Montag (20h) „Das Hirschhaus“ auf der Perner-Insel/Hallein. www.salzburgfestival.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2008)

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