TV-Serie: Der Irak-Krieg im Wohnzimmer

(c) Reuters (HBO)
  • Drucken

HBO startet eine neue Serie zum Irak-Krieg. Bisher konnte kaum jemand mit dem Thema unterhalten.

Wenn man etwas von der neuesten TV-Serie des amerikanischen Bezahlsenders HBO lernt, dann ist es das Faktum, dass realitätsnahe Kriegsfilme nie im öffentlichen Fernsehen gesendet werden können: In den überkorrekten USA würde man ständig nur Piepstöne hören. So aber, weil HBO nur via Kabel oder Satellit erhältlich ist und deswegen die „Anstandsgesetze“ nicht gelten, darf geflucht werden. Und die Schauspieler von „Generation Kill“ tun es mit Leidenschaft: Kaum ein Satz kommt ohne fuck und shitaus. So reden Militärs offenbar – vor allem dann, wenn sie den Irak besetzen müssen.

Genau darum geht es in der neuesten siebenteiligen TV-Serie, die jeden Sonntag zur besten Sendezeit läuft: Um die ersten 40 Tage der Bravo Company im Irak. Die Geschichte basiert auf dem Buch von Evan Wright, der 2003 als Reporter für den „Rolling Stone“ im „First Recon Bataillon“ eingebettet war. Sie sei „so nah an der Realität, dass Marines bei einer Vorführung ganz ruhig wurden“, erzählte ein Produzent.

Ein Wunder, dass USA je gewonnen haben

Nach zwei Episoden wird der Zuseher eher unruhig. Die Charaktere sind kaum entwickelt, teils sind die Szenen langatmig und mühselig – aber so soll es damals 2003 zugegangen sein. Sieht man die Konfusion, mit der beispielsweise „Captain America“ McGraw sein Platoon kommandiert oder „Encino Man“ Schwetje falsche Richtungen vorgibt, wundert man sich, dass die USA jemals gewonnen haben.

Und über noch etwas wundert man sich: Den Mut von HBO, 55 Millionen Dollar in eine Geschichte über einen Krieg zu stecken, von dem niemand mehr etwas wissen will. Sämtliche Irak-Kinofilme der vergangenen Jahre waren gigantisch Flops, etwa Brian de Palmas Redacted, das 2007 lediglich 65.400 Dollar einspielte. Oder Stop-Lossüber einen verschwundenen Veteranen, das heuer bescheidene 9,7 Millionen Dollar an den Kinokassen machte.

„Generation Kill“ ist auch nicht der erste Versuch, den Krieg als Unterhaltung in die Wohnzimmer zu bringen. 2005 strahlte FX die sehr gute gemachte Serie „Over There“ aus, die sich mit dem täglichen Leben der Soldaten im Irak beschäftigte. Vier Millionen Menschen schalteten am Anfang ein, als die 13. und letzte Episode über die Schirme flimmerte, waren es etwas mehr als eine Million, die noch zusahen.

„Die Menschen haben genug von diesem Krieg“, erklärte Steven Broncho, der „Over There“ gemacht hatte, den Seherschwund und das Aus. Der Unterhaltungschef des „USA Network“, Jeff Wachtel, meint, es fehle die Distanz: „Die Menschen sehen den Krieg in den Nachrichten, in Dokumentationen und jetzt sollen sie ihn sich auch noch als Film oder Serie anschauen.“ Zwar biete der Einsatz im Irak „große Möglichkeiten zum Geschichtenerzählen“, aber dafür sei es einfach noch zu früh. Dem stimmt Broncho zu. „Es hat lange gedauert, bis sich ein Publikum für Filme über den Vietnamkrieg fand oder auch über den Zweiten Weltkrieg.“ Aber selbst diesen Themen sind ein risikoreiches Spiel: Clint Eastwoods Flag of Our Fathers wurde zwar viel gelobt, spielte aber bei Produktionskosten von 90 Millionen Dollar US-weit nur 33,6 Millionen Dollar ein.

HBO hofft, mit „Generation Kill“ einen ähnlichen Hit zu landen, wie mit der Mafia-Geschichte „The Sopranos“ oder mit „Sex and the City“. Stoff für neue Staffeln wäre jedenfalls genug da, vor allem wenn der Republikaner John McCain die Wahl gewinnt: Er hatte erklärt, er würde die US-Truppen notfalls auch 100 Jahre im Irak lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.