Das Mumok zeigt in „Mind Expanders“ Kunst und Architektur um 1968, die noch die Welt verändern wollten.
Das Abbild war leer geworden, der Spiegel zerbrochen, die Leinwand beschüttet, beschmiert, von Fontana gar schon defloriert. Was also weiter? In die Gosse mit der Kunst, der kriegszerstörten Braut, eh klar. Und „nun zur Sache!“, wie schon Goethe das Trauerspiel genervt zur Revolution weitergetrieben hatte. Hätte er nur geahnt, dass diese Worte einmal einer Kunstrevolution selbst als Motto dienen, dass sie fett mitten am „Blutorgel“-Manifest der Wiener Aktionisten prangen.
Doch 1962 schien es auch in Wien besiegelt: Die Kunst kommt am Leben nicht mehr vorbei und umgekehrt. Und in Wiens Nachkriegsgesellschaft war „Wirklichkeit“ eben nur mit einem Schrei bewältigbar, schrieb der kurzzeitige Gruppenpsychiater der Aktionisten, Josef Dvorak, in besagtem Blutorgel-Manifest. Dann haben sich Otto Muehl, Adolf Frohner, Hermann Nitsch in einen Keller eingemauert. Nach vier Tagen die Wiedergeburt – ihr Geburtsschrei gellte (in anderer Besetzung) bis 1970.
Diese Geschichte ist hierzulande be-, weltweit anerkannt, und das Mumok arbeitet brav daran, sich als Kompetenzzentrum für diesen wichtigsten heimischen Beitrag zur jüngeren Kunstgeschichte zu etablieren. Seit Jahren zeigt das Museum – woanders als im Keller – Wechselausstellungen rund um die radikalen Analytik-Performer Nitsch, Muehl, Schwarzkogler, Brus.
Die neue Themenschau „Mind Expander“ schließt jetzt erstmals auch die Architektur mit ein, deren teils nicht weniger erschreckende Utopien in etwa zeitgleich mit den Aktionisten Weltformat erreichten. Hollein, Pichler, Domenig, Haus-Rucker-Co, Coop Himmelb(l)au schwangen sich aber eher in luftige Höhen als in den (psychischen) Underground, übten sich eher in Pop-Performances, als sich so richtig schmutzig zu machen. Österreich empörte sich so oder so, raffte sich erst 1976 zu einer Art „1968“-light auf (Arena-Besetzung). Rund zehn Jahre zuvor, 1965, wurde Brus noch verhaftet, als er weiß bemalt, (noch) symbolisch von einem schwarzen Strich zerrissen durch die City spazierte. Heute ist sie voller dämlich bemalter Schausteller, aber die wollen nur Geld, nichts mehr.
Nicht nur Brus' Aktion hat unsere „Minds“ erweitert. Auch Muehls Kommune war ent-täuschend: Kunst und Wirklichkeit, sie scheitern aneinander. Im Mumok muss man sich diese Erkenntnis allerdings aus einem Plattencover zusammenreimen, kann höchstens noch in ein bisschen Selbstdarstellung mit Onkel Otto hineinlauschen. Für die gesellschaftlich bedeutendste Bewegung im Geiste aber steht VALIE EXPORTs feministisches Werk, es berührt auch heute noch, total zeitlos, total traurig.
Überhaupt haben die Kuratoren mit guten, sehr frühen Beispielen versucht, den durch die Kombination mit der Architektur noch frappanteren Männerüberhang zumindest im aktionistischen Bereich zu unterlaufen: An Carolee Schneemann, Yayoi Kusama, Marina Abramovic gleich zu Beginn der Schau kann erst gar niemand vorbei. Da hätte es wohl auch nicht viel mehr gekostet, bei der knappen Beschriftung zum Film von Nitschs 32.Aktion den Namen der gar nicht so „passiven Akteurin“, Hanel Koeck, zumindest zu nennen. Bis 30.8.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2008)