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"Akte X": Glaube an das UFO im Keller

(c) Centfox
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Die langlebige Science-Fiction-Serie wird im Kino wiederbelebt: Was war das Geheimnis des Mystery-Erfolgs um Scully und Mulder? Geschichte eines Phänomens.

Es passierte auch im Pausenhof: Das aufgeregte Diskutieren über „die jüngste Folge“, das Anbringen der persönlichen Expertisen und das Verspotten all derer, die „sie“ nicht sehen durften, wollten oder konnten.

Mitte bis Ende der Neunziger erlebte das Serienphänomen „Akte X“ seine Blütezeit, allwöchentlich musste man als Schulkind seinen ganzen Mut zusammenkratzen und eintreten in diese Dunkelzone: ein Initiationsritus für die Generation vor der digitalen Medienexplosion, zu einer Zeit, in der man sich mit Satellitenschüsseln den Generalschlüssel zum audiovisuellen Glück aufs Hausdach schrauben konnte. Im September 1994 strahlte Pro7 – ein Jahr nach der Serienpremiere in den USA – die erste Episode aus: Schrittweise gab es ein Einsehen in die Kreation von Chris Carter, die sich merklich von dem absetzte, was bis dahin in die Wohnzimmer gesendet worden war.

Konzipiert war die Serie um zwei gegensätzliche Agenten, die den „unheimlichen Fällen des FBI“ nachforschen: Die empiristische Skeptikerin Dana Scully und Fox Mulder, eher über- und außersinnlichen Erklärungsmodellen zugetan. Auf dem berühmten Poster in seinem Kellerbüro ist ein UFO, darüber der Satz: „I want to believe“. Schon in der ersten Staffel lag das Energiezentrum der Serie bei den Wechselwirkungen – mal anziehend, mal abstoßend – ihrer dialektischen Paarbindung. Was sich im ersten Jahr noch nicht zeigen konnte, war die herausragende Qualität von „Akte X“: Das Errichten, Ausbauen und Verlängern von vorwiegend verschwörungstheoretischen Erzählbögen („mytharcs“) über mehrere Staffeln hinweg.

 

Mulder im Alien-Grab: Geburt der X-Philie

Der spätere, das darf man so sagen, „Straßenfeger“ war für den Fernsehsender Fox anfänglich nur ein Versuch: Novum und Risiko obendrein. Planen über einen längeren Zeitraum hinweg war für die Macher damit unmöglich. Die weibliche Hauptrolle mit der damals völlig unbekannten 24-jährigen Theaterschauspielerin Gillian Anderson (für Carter erste und einzige Wahl) zu besetzen, das Insistieren auf die offenen Enden der einzelnen Episoden, überhaupt die Wiederbelebung der Mystery für den Hauptabend – all das waren unkalkulierbare Faktoren.

Entsprechend unverknüpft liegen die Episoden der ersten Staffel nebeneinander. Sie drehen sich schon auch um UFOs, aber vor allem um „Monsters of the Week“, etwa Eugene Tooms in der Folge „Das Nest“: ein Menschenleber fressender Mutant, ersonnen vom Autorenduo James Wong und Glen Morgan, das mehrere Jahre für die mitunter besten Episoden zeichnete. Erst mit Ende der zweiten Staffel, als Mulder in einem Alien-Grab verschüttging, die Fortsetzung über viele Monate hinweg erhofft werden musste, erst da setzte ein, was man heute als X-Philie kennt, erst da kletterten die Einschaltquoten in nennenswerte Höhen.

Es kamen Kaffeetassen, T-Shirts und Bettwäsche, die ganze Merchandising-Palette, zugleich erreichte die Serie in den Staffeln drei bis fünf den kreativen Zenit. Sanft und effektvoll mutierten die dramaturgischen Grundfesten: So öffnete Autor Darin Morgan in wenigen Episoden die Marke fürs Grotesk-Komische, mit Zirkus-Freaks oder einer Parodie auf Orson Welles' „War of the Worlds“ namens „Krieg der Koprophagen“.

Ein Umzug der Produktion kündigte erste Veränderungen an: von Vancouver, dessen Klima und Landschaften entscheidend den Ton der Serie mitbestimmten, nach Los Angeles. Eine Kinoauskopplung (Akte X – Der Film, 1998) konnte die langsam, doch stetig abebbende Begeisterung des Zusehers nicht bremsen. David Duchovny stieg nach Staffel sieben teilweise aus, Chris Carter und Mitarbeiter versuchten, neue Agenten an Scullys Seite zu positionieren: John Doggett (Robert Patrick) und Monica Reyes (Annabeth Gish) sollten im neunten Jahr die „Akte X“ in neue Richtungen zukunftsfit machen: Da war sie schon eine der am längsten ausgestrahlten SF-Serien der TV-Geschichte.

 

Die letzte Akte: „Die Wahrheit“

Die Remodellierung scheiterte. Die letzte Akte – Titel: „Die Wahrheit“ – wurde in den USA am 19.Mai 2002 geschlossen. Kritiker und Publikum waren vom Ende enttäuscht. Auf den Pausenhöfen wehte ein anderer Wind, das Internet hatte bereits begonnen, Sehgewohnheiten radikal zu ändern. Heute hat „Akte X“ nichts mehr von der damaligen Kraft, die Serie wirkt eher zerbrechlich, wie ein Artefakt, aber sie weckt noch immer kollektive Gefühle. Wenn nun ein neuer Film das Wiedersehen mit Mulder und Scully bringt, Mark Snows gepfiffene Schauermusik vom Serienvorspann erneut ertönt, werden über einige Wangen Tränen rinnen. In Erinnerung an „Akte X“. We want to believe.

CHRONOLOGIE

„Akte X“ („The X-Files“) lief in den USA in neun Staffeln von 1993 bis 2002, je etwa ein Jahr später im deutschen Sprachraum. Dazwischen kam 1998 „Akte X – Der Film“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2008)