Den neuen Bayreuther „Parsifal" führen „der Irrnis und der Leiden Pfade" direkt in den Bundestag. Jubel für Stefan Herheims Rätselspiel der jüngeren deutschen Geschichte.
Einhellige Begeisterung, Jubel beim Erscheinen des Regieteams vor dem Vorhang: Die Neuinszenierung des „Parsifal" durch Stefan Herheim befriedigte offenbar alle Sehnsüchte des Bayreuther Festspielpublikums. Heftige Buhrufe musste diesmal lediglich der Dirigent, Daniele Gatti, einstecken. Eine richtungsweisende musikalische Neudeutung ist ihm tatsächlich nicht gelungen. Dazu stand ihm wohl auch eine allzu unausgewogene Sängerbesetzung zu Gebote. Neben dem rollendeckenden, sehr kraftvollen Christopher Ventris in der Titelpartie glänzte lediglich der neue Gurnemanz, Kwangchul Youn, der seinen balsamisch weichen Baß in langen Legatobögen ebenmäßig schön, und doch wortdeutlich artikulierend verströmte.
Umgeben waren die beiden von zum Teil unauffälligen braven Kollegen wie Thomas Jesatko als Klingsor, zum Teil jedoch auch von ärgerlich überforderten Protagonisten wie der im Mittelakt nur noch angestrengt forcierenden Kundry Mihoko Fujimuras oder dem schmalspurig tönenden Amfortas von Detlef Roth, dessen liebenswerte Bemühung um Prägnanz und Espressivo mehrheitlich doch bereits in der Öffnung zum unsichtbaren Orchesterraum zu versickern drohten.
Lähmende Tempi, Andachts-Bilder
Ob dringlichere Vokalgestaltung der lähmenden Wirkung vorgebeugt hätten, die von Gattis überzogen langsamen Tempi ausging, darf allerdings bezweifelt werden. Von dem „Parsifal" ging zunächst zwar ein durchaus eigentümlicher, durch dauernden Intensitäts-Druck ausgelöster Reiz aus. Doch verbrauchte sich diese rasch, denn die Klangereignisse standen unverbunden, ohne dramaturgische Konsequenz nebeneinander. Den langen Entwicklungs-Bögen von Wagners letztem Drama fehlte die Konsistenz, aber auch die klanglich Differenzierung. Eine allzu monochrome Palette wirkt rasch ermüdend.
Besonders deutlich wird ein solcher Mangel dort, wo auch Herheims Vokabular, im ersten Aufzug noch von überbordernder, schier undurchdringlicher Bilderfülle, sich ausdünnt, wo die Geschichte des „Parsifal" schlicht, zuweilen regelrecht altmodisch erzählt wird. Da ließe sich ein Decrescendo szenischer Intensität verzeichnen, das im ersten Bild des dritten Aufzugs gar in Tableaus mündet, die von Führich gemalt sein könnten: Parsifal und Kundy als Christus und Maria Magdalena aus dem Andachts-Büchel. Erst die Trümmer-Frauen, die zum Karfreitagszauber plötzlich mit Hacke, Spaten, Besen und Kübel aufmarschieren, erinnern uns angelegentlich daran, dass die Regie an diesem Abend nicht nur Devotionalien- sondern auch deutsche Historienmalerei betreiben will.
Kaiser Wilhelm, Hitler und der Bundestag
Stellt sie den „Parsifal" doch in ein Zeitkontinuum vom wilhelminischen Preußentum über das Dritte Reich bis zur Gegenwart. Die Gralsritter marschieren in den Ersten Weltkrieg, machen als Verwundete Zwischenstopp in Herrn Klingsors Anti-Walhall - erstmals sieht man da die Ritter, die der arglose Parsifal besiegt, um zu den Blumenmädchen (hier Krankenschwestern und Revue-Girls der Dreißigerjahre) vorzudringen. Zuletzt sitzen alle miteinander im Bundestag und lassen sich vom Heilsbringer noch einmal vormachen, wie das ist, wenn der Gral enthüllt wird.
Wollte Herheim damit die Absurdität jeglicher metaphysischen Lehre, jeglichen Verweises auf kulturelle Urgründe in zivilisiert-globalisierten Zeiten wie den unsern decouvrieren, dann wäre ihm das vielleicht geglückt. Sollte die Operetten-Illumination eines „Bühnenweihfestspiels" angesichts der über die Generationen fehlgeleiteten Sehnsucht nach realen Erlöserfiguren nachdenklich stimmen, dann ist das Gelingen der Übung zu hinterfragen: Zwar regte sich während des zweiten Aufzugs leiser Widerstand gegen das Hissen überdimensionaler Hakenkreuz-Flaggen, doch zerbricht die falsche Nazi-Herrlichkeit ohnehin sogleich unter Parsifals segensreichen Speer - so schnell ist wieder alles politisch korrekt und die Festspiel-Ruhe während des Sektempfangs in der zweiten Pause bleibt gewahrt. Insgesamt, so schien es, genoß das Publikum die Bilder- und Assoziationsströme dieser Produktion, die zu Beginn einer wahren Flutwelle glichen.
Vexierspiel der Wagner-Assoziationen
Schon das Vorspiel wird zum Vexierspiel. Wir finden uns in der Villa Wahnfried, erleben die erotischen Begehrlichkeiten einer Mutter angesichts ihres Sohnes und ihren Verzweiflungstod, weil der lieber in den Garten läuft, um am Grabe Richard Wagners mit seinem Pfeil, Bogen und seinem Hutschpferd zu spielen. Herzeleide, die späteren Verführungskünste der Kundry, die ja ganz und gar auf die Erinnerung an mütterliche Geborgenheits-Sehnsüchte rekurrieren, viele Aspekte verfließen in diesem Kaleidoskop. Auch in der Folge erscheinen die handelnden Figuren wie Jupiter selig, in tausend Gestalten. Der Regisseur hat Verwendung für jede: Ist die Dame Kundry, die Mutter, das Dienstmädchen? Ist der Herr Amfortas, Christus oder doch der Kaiser Wilhelm bei einer Scharade?
Sensationell, was die Bayreuther Technik leistet, die Beleuchtungs-Magie dieser Inszenierung ist stupend, die Verwandlungen sind von atemberaubend Virtuosität: Gleich sehen wir den Park der Villa Wahnfried, gleich ein Remake des Uraufführungs-Gralstempels mit seinen maurischen Säulen und Kuppeln, gleich weitet sich das Bild vom Krankensaal zur vielfach verspiegelten Parklandschaft. Mag sich die musikalische Komponente der Premiere einförmig ausnehmen, die optische beruhigt sich erst während der zentralen Auseinandersetzung zwischen dem Titelhelden und Kundry, die dann übrigens nicht, wie man vielleicht angenommen hätte, als jene Mutterfigur aus dem Vorspiel wiederkehrt, sondern, getreu dem selbstgewählten Zeit-Kontinuum Herheims, als Marlene-Dietrich-Kopie, ein „blauer Engel".
So spielt die Regie mit Erwartungshaltungen, zeithistorischen Assoziationen, vor allem aber mit Wagners Text, aus dem unzählige Anregungen paraphrasiert, oder sogar eins zu eins übernommen werden, vor allem die Betrachtungen des Gunemanz, ob da Kundry demonstrativ „anders schreitet als sonst", oder der Sündenfall des Amfortas als Grottenbahn-Schaustück nachgestellt wird. An vielfältig-anschaulicher Libretto-Exegese mangelt es an diesem Abend jedenfalls nicht.
Soviel zum Fortschritt, den die Bayreuther Aufführungs-Geschichte hiermit gegenüber dem vorletzten „Parsifal"-Inszenierung durch Christoph Schingensief erzielt hat. Damals stacksten die Sänger ratlos über eine Müllhalde. Dass Wagner seine Mitstreiter einst vor allem um „Deutlichkeit" gebeten hat, lassen wir daher fürs erste beiseite. Dieses Festival versteht seine Produktionen schließlich als Work in Progress. Auf Wiedersehen im Juli 2009 also. Kann sein, da wird noch Beachtliches draus!