Sojasauce auf dem Grab

In ihrem Heimatland kennt sie praktisch jeder: Mitsuko Coudenhove-Kalergi, eine der ersten Japanerinnen, die nach Europa gingen. Pionierin oder Opfer? Japanische Sisi oder Vorläuferin der Moderne? Eine Erinnerung an meine Großmutter.

Meine Großmutter Mitsuko Coudenhove-Kalergi liegt in unserer Familiengruft auf dem Hietzinger Friedhof in Wien begraben. Manchmal finden wir ein Fläschchen Sojasauce auf der Grabplatte. Dann wissen wir: Ein japanischer Tourist war hier, um seiner Landsmännin seine Reverenz zu erweisen. So wie die Juden Steinchen auf Gräber legen, so wurde uns erklärt, tut man es in Japan mit Sojafläschchen. Viele Japaner besuchen Mitsukos Grab. Die Geschichte der jungen Mitsuko Aoyama, die 1892 einen österreichischen Diplomaten heiratete und mit ihm als eine der ersten Japanerinnen – manche sagen: als allererste – nach Europa zog, kennt praktisch jeder im Lande.

Mitsu ist eine Art japanische Sisi-Figur, romantisch, nostalgisch, ein wenig kitschig. Es gibt einen Spielfilm über sie, zwei Fernsehserien, ein Theaterstück, mehrere Bücher und etliche Comics. Ein Musical über Mitsu ist im Entstehen. Was macht ihr Schicksal für ihre Landsleute so faszinierend? Als ich vor Jahren in Japan war, eingeladen vom japanischenFernsehsender NHK anlässlich des Starts ei- ner mehrteiligen Dokumentation, wurde ich von vielen jungen Journalistinnen interviewt. Sie sahen in Mitsu eine Vorbildgestalt – die Frau, die sich über die Konventionen ihrer Zeit hinwegsetzte, ihrer Liebe folgte, ihre Heimat und ihre traditionelle Erziehung hinter sich ließ und sich mutig in einen fremden Kontinent wagte. Mitsu, so verstand ich es, war zur Symbolfigur der Öffnung Japans zur Welt im 19. Jahrhundert geworden und in gewisser Weise auch zur Vorläuferin der japanischen Moderne.

Stimmt dieses Bild? Ich bin mir nicht so sicher. Aus eigener Erfahrung konnte ich meinen Gesprächspartnerinnen nichts berichten. Ich habe meine Großmutter nicht gekannt. Aber ich weiß aus Erzählungen, dass man ihre Lebensgeschichte auch anders sehen kann: als Geschichte einer letztlich gescheiterten Integration, der Verpflanzung einer jungen Frau in eine gänzlich andere Kultur, in der sie ihr Leben lang, auch in der eigenen Familie, eine Fremde blieb.

Mein Großvater Heinrich Coudenhove-Kalergi hatte als junger k.u.k. Diplomat schnell Karriere gemacht und war nach mehreren Posten in Europa, Lateinamerika und Asien an der Gesandtschaft in Tokio gelandet, die er, weil der Gesandte viel krank war, jahrelang selbstständig leitete. Damals gab es nur wenige Botschaften. Der österreichische Gesandte in Japan war nicht nur beim dortigen Kaiser akkreditiert, sondern auch beim Kaiser von China und bei den Königen von Siam und Korea.

Heinrich war, wie viele seiner Zeitgenossen, fasziniert von der fernöstlichen Kultur, sprach bald japanisch und schätzte die japanische Kunst. Wenn er bei seinem Kunsthändler alte Stiche begutachtete, pflegte dessen 17-jährige Tochter den Tee zu servieren. Als höflicher Mensch erhob sich der Diplomat dann von seinem Sitzplatz. Mitsu schrieb später in ihr Tagebuch, sie hätte damals gemeint, der Gast hätte zu enge Schuhe angehabt und sei aufgestanden, um sich die Füße zu vertreten. Bald wurde sie seine Freundin oder, wie man damals sagte, seine Konkubine, und gebar ihm kurz hintereinander zwei Kinder. Heinrich ließ seine Geschwister im fernen Böhmen wissen, dass er nicht gedachte, eines Tages zurückzukehren und als Ältester in der Familie den Familienbesitz zu übernehmen. Er hatte sich verliebt, nicht nur in die kleine Mitsu, sondern auch in deren Land.

Aber das Schicksal entschied anders. Heinrichs Vater starb, und als das Testament eröffnet wurde, zeigte sich, dass er seinen Besitz nicht, wie alle erwarteten, seinem ältesten Sohn vererbt hatte, sondern „dem ältesten Sohn meines ältesten Sohnes“. Dieser aber, ein kleiner Halbjapaner, lebte in Tokio. Es blieb nichts anderes übrig, als den Lebensplan radikal zu ändern. Mitsu wurde vom katholischen Bischof von Tokio am selben Tag getauft, gefirmt und nach katholischem Ritus mit ihrem Freund verheiratet. Heinrich quittierte den diplomatischen Dienst und zog mit Frau und Kindern zurück nach Europa. Vorher war Mitsu noch von der japanischen Kaiserin empfangen worden. Eine große Ehre, die die nunmehrige Österreicherin nie vergaß. Sie solle in der Fremde ihrer Heimat Ehre machen, hatte die Kaiserin ihr eingeschärft.

Mitsu bemühte sich, dieser Mahnung gerecht zu werden. Weitere fünf Kinder wurden geboren, zusätzlich zu den zwei Ältesten, die in der Familie „die Japaner“ genannt wurden. Sie sollten alle gute Österreicher werden, und Mitsu versagte es sich, mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu reden. Ihr drolliges Deutsch, durchsetzt mit vielen Japanismen, sorgte für gutmütige Heiterkeit. „Hansi schweigt wie Ei“ wurde zum geflügelten Wort. Die Großeltern in Tokio schickten gelegentlich japanisches Spielzeug, traditionelle Ritterfiguren für die Buben, Kimono-Puppen für die Mädchen. An ein Bilderbuch mit der illustrierten Geschichte vom japanischen Helden Momotaro, der aus einem Pfirsich geboren wird, erinnere ich mich noch aus meiner eigenen Kindheit.

Freilich, wirklich heimisch in ihrem neuen Vaterland scheint Mitsu nie geworden zu sein. Sie war ein Produkt der alten japanischen Feudalgesellschaft, dazu erzogen, schön und gehorsam zu sein und niemals Gefühle zu zeigen. Sie konnte kalligrafieren, Blumen binden und die japanische Mandoline spielen. Nach sieben Geburten wog sie 48 Kilo und konnte ihre Taille mit ihren beiden Händen umfassen. Zu ihren Kindern hatte sie ein distanziertes Verhältnis, diese wurden von Gouvernanten und Hauslehrern erzogen. Zärtlichkeit war unbekannt. 1904 kam der Schicksalsschlag: Heinrich Coudenhove-Kalergi, ihr einziger Vertrauter in Europa und der Einzige, mit dem sie in ihrer Sprache reden konnte, starb mit nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt. Die 27-jährige Mitsu blieb mit sieben Kindern als junge Witwe zurück. „Dieser Umsturz im Leben meiner Mutter hatte einen Umsturz ihres Charakters zur Folge“, schrieb ihr Sohn Richard in seinen Erinnerungen. „Sie, einst so sanftmütig und geduldig, wurde hart und despotisch. Als Familienchef war sie von allen gefürchtet – von ihren Kindern, Angestellten, Beamten undDienern. Ihr ganzes Leben hatte sie gehorcht, jetzt verstand sie esmeisterhaft, zu befehlen und ihren Befehlen Nachdruck zu verleihen.“ Von ihrem Jüngsten, auf Heimaturlaubvon der Front im Ersten Weltkrieg, ist der Ausspruch überliefert: „Lieber ein Monat Schützengraben als ein Krach von der Mama.“ Mitsu bestand nach dem Tod ihres Mannes darauf, das Gut in Böhmen gegen den Willen der Familie selbst zu führen und die Erziehung ihrer Kinder selbst zu organisieren. Diese wurden ins Internat nach Österreich geschickt, die Buben ins Theresianum nach Wien, die Mädchen ins Sacre Cœur. Sie gingen bald ihre eigenen Wege, nur ihre Tochter Olga blieb bei ihrer Mutter und pflegte diese bis zu deren Tod. Mitsu muss in ihren späteren Jahren ziemlich einsam gewesen sein.

Das Heimweh nach ihrem geliebten Japan hat sie nie verlassen. Wiederum der Sohn Richard: „In diesen Stunden muss sie sich wie eine Verbannte gefühlt haben. Der Reichtum, der sie umgab, war ihr wie eine goldene Kette, die sie an diesen kalten und fremden Erdteil band, an diesen merkwürdigen Mann, den sie nie verstand, an diese Kinder, mit denen sie nicht einmal ihre Muttersprache sprechen konnte.“

Als die japanischen Fernsehleute das Leben ihrer Dokumentations-Heldin recherchierten, fanden sie im Familienarchiv im böhmischen Ronsperg Mitsus Tagebuch. Die Familie war inzwischen vertrieben worden, Schloss und Gründe gehörten längst dem tschechischen Staat. Dieses Tagebuch bildete die Grundlage für ein Theaterstück, das vor Jahren auch in Wien gezeigt wurde. Es ist ein Monolog, in dem die alt gewordene Mitsu ihrer Tochter Olga ihre Lebenserinnerungen erzählt. Ich habe es seinerzeit im Schönbrunner Schlosstheater gesehen und war betroffen, als ich über Kopfhörer die deutsche Übersetzung hörte. Da stand eine – übrigens hervorragende – japanische Schauspielerin auf der Bühne und sprach die Worte, die meine Großmutter vor vielen Jahrzehnten aufgeschrieben hatte. Es war eine andere Geschichte als die Herz-Schmerz-Legende vom Lotosblümchen, das es bis zur europäischen Schlossherrin geschafft hat.

Da ist die Szene, in der die junge Mitsu zum ersten Mal das Ronsperger Schloss betritt. Sie geht einen langen Gang entlang, von dem aus rechts und links Türen wegführen. Die Türen öffnen sich hinter ihr, unbekannte Leute sehen ihr neugierig nach. Feindselig, wie sie meint. Da ist die Szene, in der ihr kleiner Sohn sie etwas fragt. Er fragt auf Deutsch, nach etwas, das sie nicht weiß. Sie ist erschrocken und tief beschämt. Sie will alles richtig machen im fremden Land und stößt doch immer wieder an Grenzen. Und dann der Tod von Heinrich, „meinem Gentleman“. Ohne ihn fühlt sie sich ganz allein und verlassen. Hat sie ihn geliebt? Ja, auf ihre Weise. Und hat er sie geliebt? Ja, auf seine Weise. „Wie einen kostbaren Gegenstand“, sagte später eines ihrer Kinder. Wie eine schöne und dekorative Puppe.

Am liebsten erinnert Mitsu sich an die Abende, an denen ihr Mann in seinem Arbeitszimmer bei der Lampe saß und sie ihm den Tee brachte. Sie liebte es, ihm zuzuschauen, wie er las und schrieb und dazwischen Tee trank. Von Gedankenaustauschen ist nicht die Rede. Nach ihrer eigenen Meinung ist sie wohl nicht oft gefragt worden.

Mitsuko Aoyama ist 1874 geboren, nicht lange nachdem der amerikanische Kapitän Mark Perry mit seinen Schiffen in Japan landete und das bis dahin völlig isolierte Land für den Handel mit dem Westen öffnete. Aus der mittelalterlichen Feudalgesellschaft wurde in schnellem Tempo eine moderne Industriegesellschaft, aus Samurais wurden Geschäftsleute. Als Heinrich Coudenhove-Kalergi 1892 nach Tokio kam, unterhielt Österreich-Ungarn seit gerade einmal 23 Jahren diplomatische Beziehungen mit Japan. Heinrich, der sich als Weltbürger empfand, Nationalismus verabscheute und eines der ersten Standardwerke über den Antisemitismus schrieb, war eine Figur des Übergangs zur österreichischen Moderne, wie Mitsu ei- ne Figur des Übergangs zur japanischen Moderne war. Von Integration und Multikulturalismus wurde damals noch nicht gesprochen, und Mitsus Schicksal ist denn auch nicht eigentlich eine Erfolgsgeschichte vom Zusammenkommen der Kulturen. Sie war Pionierin, aber auch Opfer. Sie war aufgebrochen, aber nicht wirklich angekommen.

„Bewundern Sie Ihre Großmutter?“, fragte mich seinerzeit in Tokio eine Reporterin, eineschicke junge Frau im Business-Kostüm mit Minirock. Nein, nicht uneingeschränkt. Wennich ihr Foto betrachte, empfinde ich eher so etwas wie eine Mischung aus Anerkennung und Mitleid. Mut hatte sie jedenfalls, die kleine Mitsu aus Tokio. Aber glücklich geworden ist sie wohl nicht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2008)